Nietzsche, der Erzieher

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25. Nietzsche, der Erzieher
     Ein Postscriptum als Vorbemerkung.
     Ich hatte die ehrliche Absicht, ein "Referat" zu schreiben
     — aber ich war so unklug, in einer Sommernacht ans

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     Werk zu gehn.

Tief und tiefer hinein in die Schatten flieht nun wieder mit uns
unsre Scholle. Gleich einer Woge, die nie den Felsen findet, an
dem sie verbrande, läuft sie unter der Sonne hin, eilt nun unter
den Sternen hin, und wir treiben auf ihrem Rücken, auf den Balken

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und Planken unserer Häuser, ein Volk von Schiffern, aus
dem noch nie einer außer den Hafen Geburt und Tod einen andren
Hafen sah.
Von Schlummer bewältigt ruhn sie nun alle; nur hier und dort
wacht vielleicht einer gleich mir und träumt hinaus in die brausende

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Nacht.
Von welchen Sorgen ist sein Auge noch hell?
Wacht nur der Tag noch in seiner Seele, das ärmliche Spiel der
kleinen Kräfte und kurzen Ziele? Oder zuckt, eine einsame
Flamme, sein Herz im Sturmwind großer Hoffnungen. Zweifel,

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Erkenntnisse und Verachtungen? Ruft er gleich mir: "Wozu doch
diese Nacht über der Nacht, dieses ernsthafte Schlafen von Menschen,
deren ganzes Dasein ja nur ein einziger Schlaf ist? Reißen
sie je die Augen auf, außer vielleicht unter dem Griff des Todes?
Darf man sie je mit Sternen reizen, die nicht mit halben Blicken

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zu fangen sind?"
Die ihr so in die Stille sprecht, aufgeschreckt aus allem Schlaf wie
ich, fast noch verwundert ob der eigenen plötzlichen Klarheit und
mit übergroßen Augen um euch blickend - eine Stimme hat uns
allen den Schlummer verleidet, ein Auge ist uns die Sonne des

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Tags und der Nacht geworden, eine Schönheit lässt uns nicht länger
schlafen.
Ein Fest verbrüdert uns, eine Feier läßt uns in allen Schauern
tragischen Glücks erzittern, dass wir die ganze Welt um uns verschenken -:
der große Mensch.

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Der schönste Mensch, den die Erde je trug, einen noch schöneren
Menschen lehren wollend!
Wo ist ein Schauspiel, das diesem gleicht?
Lehrer- und führerlos wuchsen wir auf, und hätten, versprengte

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Stürmer, hierhin und dorthin die Kraft verschwendet. Nun erst
dürften wir wissen, was Leben heißt; was Leben sein kann, wenn
man es sinnvoll macht: was allein das Dasein heiligt -: ein großer
Zweck, ein "höchster Gedanke."
Aber in meine Freude mischt sich bald wieder Schwermut und

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Scham.
"Das - ist nun mein Weg," spricht Zarathustra "- wo ist der
eure?"

"Dies nun waren die Wege des Werdenden" sagen uns heute die
Dokumente seiner Entwicklungsjahre. "Wo sind die euren?"

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würde er wiederum fragen und fortfahren: "Wer ein Ich hat, der
gehe in Sich."

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Für alle Zukunft gibt es nun ein neues Kriterium des denkenden
Menschen -: Was ist ihm Nietzsche? Dem Entartenden ist er die
Gefahr der Gefahren. Und es ist gut so. Denn "was fällt, das soll

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auch noch gestoßen werden".
Dem aber, der Zukunft im Blute hat, ist er der große Zucht- und
Lehrmeister, der Sammler und Bändiger seiner Instinkte, der
Führer - nicht der "Verführer" -, der Kulturbringer, der die Geschichte
bestimmende "tragische Philosoph".

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Man muß ihn erleben, nicht erlesen wollen. Anders wird der gereifte
Mann ihn lieben, anders das jung heraufkommende Geschlecht.
Während jener vielleicht der feinen Blume dieses Genius
mit immer höherem Entzücken inne werden mag, bedarf der
Werdende derberer Wirklichkeiten. Sein Leben ist noch Kampf.

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Und man kämpft besser unter dem Ausrufungszeichen als unter
dem Fragezeichen. Ihm ist Nietzsche der Erzieher, das Ereignis,
dessen er sich am allerersten bewußt wird, und von dem, wie von
einer göttlichen Offenbarung, seine Seele glüht und zittert. Mit
welchen Empfindungen wird er auf jene nachgelassenen Jugend-

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Dokumente des Meisters blicken, die von einer beispiellosen
Selbsterziehung, von einem unerbittlichen Sich-selbst-Rechenschaft-
Geben in jedem Sinne zeugen?...
Ich bescheide mich, aus dem tiefen Reichtum der stillen Forschungen,

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Entdeckungen, Wünsche und Entwürfe einige Sätze
herauszunehmen, deren Grundmotiv jenes "Eins tut not" ist -:
dass ein neuer Adel auf Erden entstehe.

                                   *

"Die Aufgabe, die der Philosoph innerhalb einer wirklichen,
nach einheitlichem Stile gearteten Kultur zu erfüllen hat, ist aus

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unseren Zuständen und Erlebnissen deshalb nicht rein zu erraten,
weil wir keine solche Kultur haben. Sondern nur eine Kultur
wie die griechische, kann die Frage nach jener Aufgabe des Philosophen
beantworten, nur sie kann die Philosophie überhaupt
rechtfertigen, weil sie allein weiß und beweisen kann, warum und

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wie der Philosoph nicht ein zufälliger, beliebiger, bald
hier- bald dorthin versprengter Wanderer ist. Es gibt eine stählerne Notwendigkeit,
die den Philosophen an eine wahre Kultur fesselt:
aber wie wenn diese Kultur nicht vorhanden ist? Dann ist der Philosoph
ein unberechenbarer und darum Schrecken einflößender

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Komet, während er im guten Falle als ein Hauptgestirn im Sonnensysteme
der Kultur leuchtet."

"Es scheint mir nicht so wichtig zu sein, wie man es jetzt nimmt,
daß bei irgendeinem Philosophen genau ergründet und ans Licht
gebracht werde, was er eigentlich im strengsten Wortverstande

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gelehrt habe, was nicht: eine solche Erkenntnis ist wenigstens
nicht für Menschen geeignet, welche eine Philosophie für ihr
Leben, nicht eine neue Gelehrsamkeit für ihr Gedächtnis suchen:
und zuletzt bleibt es mir unwahrscheinlich, daß so etwas
wirklich ergründet werden kann. Erst glauben wir einem Philosophen.

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Dann sagen wir: mag er in der Art wie er seine Sätze
beweist, Unrecht haben, die Sätze sind wahr. Endlich aber: es ist
gleichgültig, wie die Sätze lauten, die Natur des Mannes steht

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uns für hundert Systeme ein. Als Lehrender mag er hundertmal
Unrecht haben: aber sein Wesen selber ist im Recht, daran wollen
wir uns halten. Es ist an einem Philosophen etwas, was nie an
einer Philosophie sein kann: nämlich die Ursache zu vielen Philosophien,

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der große Mensch."

"Das Produkt des Philosophen ist sein Leben (zuerst vor seinen
Werken). Das ist sein Kunstwerk."

"Jede Philosophie muß das können, was ich fordere, einen Menschen
konzentrieren - aber jetzt kann es keine."
 

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"Einen Besitz den Menschen verheißen! Philosophie und Religion
ist Sehnsucht nach einem Eigentum."

"Ach dieser Mangel an Liebe in diesen Philosophen, die immer
nur an die Ausgewählten denken und nicht so viel Glauben an
ihre Weisheit haben. Es muß die Weisheit wie die Sonne für jedermann

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scheinen: und ein blasser Strahl selbst in die niedrigste
Seele hinabtauchen können."

"Es wird irgendwann einmal gar keinen Gedanken geben als Erziehung."


"Erzieher erziehn! Aber die ersten müssen sich selbst erziehn!

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Und für diese schreibe ich."

"Ich träume eine Genossenschaft von Menschen, welche unbedingt
sind, keine Schonung kennen und "Vernichter" heißen
wollen: sie halten an alles den Maßstab ihrer Kritik und opfern
sich der Wahrheit. Das Schlimme und Falsche soll ans Licht! Wir

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wollen nicht vorzeitig bauen, wir wissen nicht, ob wir je bauen
können, und ob es nicht das Beste ist, nicht zu bauen. Es gibt faule
Pessimisten, Resignisten - zu denen wollen wir nicht gehören."

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"Warum sollte Zerstören ein negatives Geschäft sein! Wir räumen
unsere Beklemmungen und Verführungen hinweg."

"Erziehung ist erst Lehre vom Notwendigen, dann vom Wechselnden
und Veränderlichen. Wieviel Macht über die Dinge hat

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der Mensch?"

"Das Erschrecken ist der Menschheit bestes Teil."

"Man kann durch glückliche Erfindungen das große Individuum
noch ganz anders und höher erziehen, als es bis jetzt durch die
Zufälle erzogen wurde. Da liegen noch Hoffnungen: Züchtung

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der bedeutenden Menschen."

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"Meine Religion, wenn ich irgend etwas noch so nennen darf,
hegt in der Arbeit für die Erzeugung des Genius; Erziehung ist
alles zu Hoffende, alles Tröstende heißt Kunst."

"Die Macht des Studiums liegt darin: nur was zur Nachahmung

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reizt, was mit Liebe ergriffen wird und fortzuzeugen verlangt, soll
studiert werden. Da wäre das Richtigste: ein fortschreitender
Kanon des Vorbildlichen, angepasst für jüngere, junge und ältere
Menschen.
Immer allgemeinere Gestalt des Vorbildlichen: erst Menschen,

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dann Institutionen, endlich Richtungen, Absichten oder
deren Mangel. Höchste Gestalt: Überwindung des Vorbildes mit
dem Rückgange von Tendenzen zu Institutionen, von Institutionen
zu Menschen."

"Jede Art von Kultur beginnt damit, daß eine Menge von Dingen

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verschleiert werden. Der Fortschritt des Menschen hängt an
diesem Verschleiern - das Leben in einer reinen und edlen
Sphäre und das Abschließen der gemeineren Reizungen. Wenn
wir die großen Individuen als unsere Leitsterne gebrauchen, so
isolieren wir sie uns, um sie zu verehren.

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Ja, alle Ethik beginnt damit, daß wir das einzelne Individuum
unendlich wichtig nehmen - anders, als die Natur, die grausam
und spielend verfährt."

"Man muß selbst die Illusion wollen - darin liegt das Tragische."

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"Was ist uns die Wissenschaft? Nicht aber: was sind wir der Wissenschaft?"


"»Weisheit ist unabhängig vom Wissen der Wissenschaft."

"Auch das geringste Schaffen steht höher als das Reden über Geschaffenes."


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"Der Weg zum Stil muß gemacht, nicht übersprungen werden."

"Goethe ist vorbildlich: der ungestüme Naturalismus, der allmählich
zur strengen Würde wird. Er ist als stilisierter Mensch
höher als je irgendein Deutscher gekommen."

"Das Deutsche als künstlerische Stileigenschaft ist erst noch zu

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finden, wie bei den Griechen der griechische Stil erst spät gefunden
ist; eine frühere Einheit gab es nicht, wohl aber eine schreckliche Mischung."

"Nehmt eure Sprache ernst! Wer es hier nicht zu dem Gefühl
einer heiligen Pflicht bringt, in dem ist auch nicht einmal der

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Keim für eine höhere Bildung vorhanden."

"Die größte Gefahr ist, wenn die ungelehrten Klassen mit der
jetzigen Bildung angesteckt werden."

"Wenn man nach Plan in der Geschichte sucht, so suche man in
den Absichten eines gewaltigen Menschen, vielleicht in dem eines

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Geschlechtes, einer Partei. Alles übrige ist ein Wirrsal. Wer

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nicht begreift, wie brutal und sinnlos die Geschichte ist, der wird
auch den Antrieb gar nicht verstehn, die Geschichte sinnvoll zu
machen."

"Ein neues Phänomen: Der Staat als Leitstern der Bildung!"

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"Nicht die Existenz eines Staates um jeden Preis, sondern dass die
höchsten Exemplare in ihm leben können und schaffen können,
ist das Ziel des Gemeinwesens."

"Der größte Verlust, der die Menschheit treffen kann, ist ein
Nichtzustandekommen der höchsten Lebenstypen."

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"Erzeugung des Genius, als des Einzigen, der das Leben wahrhaft
schätzen und verneinen kann.
Rettet euren Genius! Befreit ihn! Tut alles, um ihn zu entfesseln!"

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Indem ich sinne, was ich nach solchen Sätzen noch sagen könne

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und dürfe, irrt mein Blick wie am Anfang hinaus in die Juninacht.
Sie ist heller und heller geworden. Die brausende Stille des Dunkels
ist dem zarten Schweigen der Dämmrung gewichen.
Aber ob wir es schon nicht hören - mit reißender Schnelligkeit
flieht die uns tragende Scholle dem Licht entgegen.

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Wenn wir das Spiel dieser Scholle bedenken, ihr sinnloses Hasten
von Nacht in Tag und Tag in Nacht -
Gleicht ihm nicht unser Glaube an ein Ziel, das vor uns läge?
Die dröhnende Hast des "Fortschritts" - eine Komödie, in der
mit atemlosen Gesten unaufhörlich "auf der Stelle getreten"

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wird? Das Jagen und Rennen der Millionen - ein Jagen und Rennen
nirgendswohin als - von sich selbst hinweg?
Warum, wenn unser Fuß angewurzelt steht, nicht an uns, in uns,
aus uns bauen, statt in die Länge und Weite, in die Breite und
Höhe? Konzentration nicht Dezentration, Plastik nicht Analyse,

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Kunst-Kultur nicht Wissenschafts-Barbarei! ...

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Aber oh Schönheit! In mein Gemach schlagen die ersten scheuen
Flammen des jungen Morgens.
Ob uns Deutsche noch einmal ein Sonnenkult einen wird, wie er
unsere Altvorderen einte?

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Ich schaue sie vor mir, die Alten, und höre ihren Gruß furchtbarerhaben
über die Täler rollen...
Denn heut' ist Sommersonnenwende.

Friedrichshagen, Juni 96.
Christian Morgenstern


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Zu Friedrich Nietzsche (2.Abteilung) Band IX und X, Schriften und
Entwürfe aus den Jahren 1869-1872 (Homer und die klassische Philologie.
Nachträge und Vorarbeiten zur Geb. der Tragödie. Empedokles. Homer
als Wettkämpfer. Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Bayreuther
Horizontbetrachtungen. Das Verhältnis der Schopenh. Philosophie

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zu e. deutschen Kultur) und 1872-1876 (Die Philosophie im trag.
Zeitalter der Griechen. Über Wahrheit und Lüge im außermoral. Sinne.
Der Philosoph. Die Philosophie in Bedrängnis. Nachträge und Vorarbeiten
zu den Unzeitgem. Betrachtungen. Prometheus. Einzelne Gedanken
und Entwürfe). — Verlag von C.G.Naumann in Leipzig.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 89ff.