O dass du ganz ermessen könntest (o. T.)

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O dass du ganz ermessen könntest, was
man, Liebste, mir mit diesem Tuch getan,
als man es wusch. Nicht dies, dass man es wusch,
das simple Faktum. War' ich denn ein Kind?

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Nein, ein - Symbol war's. Aus dem einen blickt
der ganze Schmerz mich meines Lebens an.
Besitzlos soll ich sein im tiefsten Kern.
Als Jüngling rief ich: Alle Liebe will
besitzen, doch ich, ich will nicht besessen sein.

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Hie Einsamkeit! so hieß mein Kriegsgeschrei.
Ich Tor. Ich Armer! Doch vielleicht nur so
erhielt ich mich für dich und mich und euch
als den, der ich sein soll. Uneinsam nie
war' ich hinabgestiegen zu den Müttern

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und hätte dort erahndet, wer wir sind
und wir und ich. Besitzlos musst ich sein,
gewappnet gleich durch Schwachheit, gleich durch Ernst,
durch Armut, Hin-und-her-gejagt-sein auf
des Zufalls Meer, Gefährdetheit des Leibs,

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nie endende Ver-zweifeltheit des Geists,
des Wollens, des Gemüts (- wann hart' ich je
ein Ja gewagt, wann wagen dürfen je).
Ein bisschen Blume ward mir hier und dort
gegönnt und Gift auch, doch nicht mehr, so ward

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ich ein "Harmonischer", ein wunderlich
Genügsamer, dem alles genug und nichts,
der seinen Weg leicht schweben mochte, denn
er gab sich nie mit allen Fibern hin,
es sei denn seinem Ernste, ihm allein.

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Da trafst mich du. Und jetzt, jetzt möcht' ich jenes
Schicksal abwerfen, diesen Gletscherpfad
um-biegen in ein menschliches Gefild,
möchte besessen sein, besitzen selbst...
Da nimmt man mir das bisschen Unterpfand,

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das bisschen Duft sogar von deinem Hals
und spricht: Was dachtest du? Dir ziemt allein
Armut, Gehorsam, Unvermähltheit, - Narr.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 194f.