Ob auch der und jener pfeife. Buchverlag Der Morgen, Berlin. 1990

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Titel
Ob auch der und jener pfeife
Sprüche - Epigramme - Aphorismen - Notizen
Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Klaus-Dieter Sommer
Mit 14 Illustrationen sowie Vignetten von Ruth Tesmar
Auflage
2. Auflage 1990
Verlag
Buchverlag Der Morgen, Berlin
ISBN
ISBN 3-371-00152-0
Maße, Seiten, Einband
10,4 x 14,6 x 1,2 cm, 134 S., fester Einband
Nachbemerkung
Seit 1905 erstmals Morgensterns "Galgenlieder" erschienen, denen sich 1910 "Palmström" zugesellte und - 1916 und 1919 aus dem Nachlass - "Palma Kunkel" und "Der Gingganz", gibt es keine Lesergeneration, die nicht die Bekanntschaft des Dichters gemacht und eine helle, zugleich nachdenklich stimmende Freude an ihm gehabt hätte. Die ersten Galgenlieder entstanden bereits in den neunziger Jahren und waren zum Vortrag im Freundeskreis bestimmt. Von hier aus fanden diese sprachlichen und gedanklichen Purzelbäume "jugendlichen Übermuts" (Morgenstern) und eines kindlich ernsten Spiels schon bald den Weg in so namhafte literarische Kabaretts wie Max Reinhardts "Brille" und "Schall und Rauch". Rückblickend schrieb Morgenstern 1910 an einen Redakteur: "Zunächst sollten die Lieder nichts, als einigen jungen Toren, gleich mir selber, Vergnügen bereiten. Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst. Sie werden zugeben müssen, daß überall lebendige Anschauung dahintersteckt, daß nirgend ein Witz gemacht, sondern eine Situation vorgestellt oder ein Vorgang entwickelt wird, daß, selbst wo ein sogenannter Wortwitz zugrunde liegt, er sich im lebendigen Leben inkarniert."
Was da in den neunziger Jahren seinen gleichsam unschuldigen Anfang genommen hatte, war mit den bereits erwähnten verwandt gestimmten Bänden über die Jahre hinweg nicht nur in die Breite, sondern auch in die Tiefe gewachsen. Jene humorvollen, grotesken, geistreichen und von verhaltener Ironie erfüllten Gedichte haben Morgensterns Ruhm begründet. Sie sind es, die seither unser Bild von ihm prägten, ein Bild, das zwar keine falsche Vorstellung vermittelt, wohl aber einseitig, zumindest unvollständig wäre, zöge man nicht in Betracht, dass das, was wir an Morgenstern als das Bleibende erachten, von ihm selbst mehr als ein Nebenwerk angesehen wurde. Geringschätzig dachte Morgenstern über sein "Nebenwerk" nicht, aber er litt darunter, dass man in ihm nur einen intelligenten Spaßmacher sah oder sehen wollte, der lächelnd von den Tücken des Lebens und der menschlichen Unzulänglichkeit sprach. Ihm lagen seine zahlreichen ernstgestimmten Gedichtbände mehr am Herzen. In ihnen ist er immer wieder auf der Suche nach einer Sinngebung fürs Leben, auf der Suche nach Gott, und zuletzt, nachdem er sich der anthroposophisehen Lehre Rudolf Steiners zugewandt hatte, zeugen sie vom Streben nach Läuterung und der Verschmelzung seiner Existenz mit einer kosmischen Ganzheit. Zeitgenossen und Nachwelt empfanden sie zum Teil als etwas blässlich und gelegentlich auch als eigentümlich sendungsbewusst.
Wie ernst es Morgenstern mit allem, was er dachte, schrieb und tat, wirklich war, tritt uns in seinen Aphorismen, Sprüchen, Epigrammen und Tagebuchnotizen am überzeugendsten entgegen, und zwar mit einer solchen fortwirkenden Nötigung zum eigenen Nachdenken, die nur ausgehen kann von einem Menschen, der Einblick in sein Nachdenken gewährt. Sie belegen zugleich, dass es nur einen Morgenstern gibt. Die beiden Seiten im Schaffen des Dichters stellen eine unauflösbare Einheit dar, die keiner besser erkannte als Kurt Tucholsky.
Als vier Jahre nach Morgensterns Tod der Band "Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen" erschien - ihm sind die meisten Texte unserer Auswahl entnommen -, nannte Tucholsky in der "Weltbühne" (15/1919) diese Veröffentlichung "das herrliche Buch aus dem Nachlass". Er war beeindruckt von der Abgeklärtheit, von der Weisheit und der Güte, die darin zum Ausdruck kommen. "Es ist bezeichnend", schrieb er, "wie stark die positive Seite dieses tiefen Spaßmachers gewesen ist, die positive Seite, ohne die nun einmal keine Satire, kein Scherz, kein Ulk denkbar ist . . . Die Satire ist nur die Konkav-Ansicht eines Gemüts; wenn es nach hinten nicht buckelt, klafft vorn keine Höhlung, und das ganze bleibt platt."
Tucholsky wusste, wovon er sprach. Er teilte mit Morgenstern die Erfahrung des Kaiserreichs, und erteilte mit ihm die Sehnsucht nach einer Welt, in der sich die Menschen menschlich begegnen, in der Kunst und Kultur geachtet werden, in der es Kriege, Mord und Totschlag nicht mehr gibt. Vor allem aber teilte er mit Morgenstern die Verbitterung darüber, dass das nicht erreichbar schien, und die Enttäuschung, dass es so schwer war, in einer gesellschaftsverändernden Gemeinschaft heimisch zu werden. Freilich, Tucholsky war ein politischer Mensch, der sich den großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Alltag immer wieder stellte und Kampfbündnisse einging. Morgenstern dagegen zog sich zurück. Er fand Halt und Sinngebung im Religiösen, woraus er, der zeitlebens krank gewesen war, die Kraft gewann, sein Wort im Namen der Menschen und der irdischen Welt bescheiden, doch entschieden in die Waagschale zu werfen. Weltfremd war Morgenstern nicht.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang Morgensterns Brief an Maximilian Harden vom 28. Oktober 1905. Darin lesen wir: :»Man kann von dem deutschen Kaiser die Befürwortung keiner anderen Politik erwarten als der seinigen und der seiner Ratgeber. Aber man kann ihm - auch von nichtsozialdemokratischer Seite - unzweideutige Klarheit darüber geben, daß ein erheblicher Bruchteil der Deutschen nicht hinter dieser Politik steht.« Und für den "Charakter des neuen Reiches, soweit die überwiegende Majorität in Frage kommt", hatte er nur zwei Worte parat: "Servilismus und Grobheit." Er fährt fort: "Ich meine jedoch, von der Schmach einer solchen Charakteristik - und sie ist leider wahr, blutwahr bis zum letzten 'Genossen' hinab - müsste unser Volk sich nun endlich nach und nach wieder frei zu machen suchen. Bedarf es dazu wirklich der Schule und der Geißel erst eines neuen Krieges?" Doch er formulierte eine schlimme Befürchtung: "Nach ihr (gemeint ist die korrumpierte Presse, die ihre Freiheit nicht verdient) ist vielleicht nur der Sozialdemokrat ein eigentlicher Regierungsgegner. Alles andere wird, denkt man dort wie droben, im entscheidenden Moment solidarisch sein. Und es wird auch wohl so sein, im entscheidenden Moment; denn noch wurzeln alte Herdengefühle zu tief in uns, als dass wir schon unter allen Umständen Individuen zu bleiben vermöchten. Wir sind in praxi noch zu sehr Sklaven von Begriffen, die wir in der Theorie längst über Bord geworfen haben."
Wenige Monate nach seinem Tod - Morgenstern starb am 31. März 1914 an der Schwindsucht in Meran-Untermais - sollte sich das bei Ausbruch des ersten Weltkrieges bestätigen. So stand am Ende seines Lebens jenes völkermordende Ereignis, welches die historische Zeitspanne beendete, die Morgenstern in seinen knapp dreiundvierzig Lebensjahren durchmessen hatte und deren Beginn - Morgenstern war am 6. Mai 1871 in München geboren worden - aufs engste mit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 verbunden ist.
Die äußeren Lebensstationen Morgensterns bestimmte weitgehend der Unstern seiner Krankheit. Kuraufenthalte und Reisen, die meist Erholungsreisen waren, ließen ihn nicht wirklich sesshaft werden. Schon das Studium in Breslau - er studierte Nationalökonomie und Jura, hörte auch Philosophie und Geschichte - musste er aus Gesundheitsgründen abbrechen. Von Berlin, wo er in den Jahren darauf an der Nationalgalerie tätig war sowie als Dramaturg, als Lektor im Verlag Bruno Cassierer und als Herausgeber der Zeitschrift "Das Theater", führte es ihn immer wieder fort. Sein labiler Gesundheitszustand ließ auch manchen größeren Plan scheitern, beispielsweise den Roman "Symphonie", die "Renaissance-Trilogie" oder das Drama "Savonarola", zumal Brotarbeit auch ihren Tribut forderte.
Morgensterns Befindlichkeit, sein innerer, geistiger Werdegang sollen nur angedeutet werden, zu reich ist das Beziehungsgeflecht, als dass es sich auf knappem Raum unmissverständlich bündeln ließe.
Eine Ahnung davon vermittelt schon die vorliegende kleine Auswahl. Kurt Tucholsky erkannte in seiner bereits erwähnten Rezension des Bandes "Stufen", dass Morgenstern "wehrlos war und alle gleichklingenden Seelen wehrlos sind". Er hielt es für seine Pflicht, für die Pflicht der "Landsknechte des Geistes", sich schützend vor ihn zu stellen, streitbar. "Gott verzeih uns die Sünde! Aber das haben wir von unsern Feinden gelernt, denen es in der Welt nicht macchiavellistisch genug zugehen kann..." Kein abfälliges Wort über Morgensterns Hinwendung zur Mystik in seinem letzten Lebensjahrzehnt.
In einem Feldpostbrief an Mary Tucholsky vom 9. August 1918 finden wir die Feststellung: ". . . das war ein ganz tiefer und frommer Mensch. Aber eine abgrundtiefe Frömmigkeit, nicht so mit Gebeten und fertig." Dass Morgenstern sich Rudolf Steiner und dessen eklektizistischen Anschauungen von den im Menschen verborgenen Wesenskräften, deren Erschließung und Vervollkommnung bis hin zur Wiedergeburt anschloss, kann man nur verstehen, wenn man sie begreift als die Zuwendung eines Vereinzelten, der sich nach einer weltverbessernden, mit dem Weltganzen im Einklang stehenden Gemeinschaft sehnt, die das Individuum über alles stellt, aber zugleich der Kritik unterwirft, sofern es nicht bereit ist, sich selbstkritisch zu vervollkommnen und in den Dienst des Nächsten zu stellen. Das war Morgensterns Reaktion auf den Ungeist der wilhelminischen Ära. Die Kritik an der Kultur der Bourgeoisie und des Spießers teilte Morgenstern mit vielen Intellektuellen und vor allem Künstlern seiner Zeit. Der sich immer rücksichtsloser durchsetzende und in sein imperialistisches Stadium tretende Kapitalismus scherte sich nicht einen Deut um die tradierten bürgerlichen ethischen Normen, die in der europäischen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie und Literatur wurzelten. Was einst heilig war, wurde nur noch im Munde geführt, praktiziert wurde das Gegenteil. Es regierte der Pragmatismus des Profits, der einherging mit einem irrationalistischen, doch keinesfalls wirkunglosen Nationalismus.
So überrascht es nicht, dass sich Morgenstern wie viele Schriftsteller damals in seiner ablehnenden Haltung gegenüber der vorgefundenen Ordnung durch den zum Teil rigorosen Kultur- und Gesellschaftspessimismus von Schopenhauer und Nietzsche bestärkt fühlte. Ein Ausweg war das nicht. Vielmehr führte von hier der Weg die ohnehin schon an den Rand Gedrängten noch mehr ins gesellschaftliche Abseits, indem er sie ganz aufs Individuum als die einzige ernst zu neh mende Institution verwies. Aber es war ein entscheidendes Durchgangsstadium, das die einzelnen am Ende zu unterschiedlichen Positionen führte, wie wir aus der Geschichte wissen. Morgenstern ist dafür nur ein Beispiel.
Was uns der Dichter hinterlassen hat, ist sein Vermächtnis zum gründlicheren eigenen Nachdenken - auch im Widerspruch zu ihm. Die vorliegende kleine Auswahl aus seinen Sprüchen, Aphorismen, Epigrammen und Tagebuchnotizen macht uns bewusst, dass hier ein Mensch am Werke war, der sich bei allem Anspruch bis zuletzt selbst in Frage stellte. Auch lässt uns die Bekanntschaft mit dem Grübler Morgenstern deutlicher erkennen, dass er in den uns so vertrauten »Galgenliedern«, im »Palmström«, in »Palma Kunkel« und im "Gingganz" die Konflikte und Widersprüche, die er in sich und mit der Welt austrug, "nur" auf befreiende - nicht glättende oder auflösende - Weise zur Sprache brachte. Es ist an uns, dass wir Morgensterns 1905 geäußerte Befürchtung widerlegen: "Man wird mir 'Milderungsgründe zubilligen' ('Er war ein guter Mensch, er wollte das Beste usw.')"
Klaus-Dieter Sommer
Abbildungen