Ode an das Meer

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Im Schnee der Alpen hör' ich von dir, o Meer,
wie du des Landes felsige Küste schlugst,
    des Landes, des ich treu gedenke,
        liebend gedenke wie einer Heimat.

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Und durch die Ferne rollt mir dein Donnerton,
vermein' ich, fürchterliche Gewissheit zu:
    "dass solche Mären nimmer lügen,
        der du mich kennen gelernt, du weißt es."

Ich weiß es, Zeuge manch einer Schreckensnacht,

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da du mit fahlen Wogen gewandert kamst,
    mit unerschöpflich sturmgebornen,
        aus deiner Wüste, der grenzenlosen.

Ein bleiches Band, erglomm deiner Brandung Gischt,
ein greller Reif, mit dumpfem, eintönigem

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    Gedröhn in ungezählten Lagen
        um das bedrängte Gestad' geschmiedet.

Und aus dem Dunkel braute wahnwitzig wild
der Wind und regte des Hauses Festen auf
    und warf des Regens jähe Schauder

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        wider die Scheiben, dadurch ich starrte.

O Meer, o Meer, wie liebt' ich dich immer doch!
Selbst als ich einst im polternden Bauch des Schiffs,
    des schwerhinstampfenden, dich rasen
        hörte, im Schoß deines Zornes selber.

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Wiewohl ich wehrlos in meiner Koje lag.
der Sorge näher, denn der Bewunderung,
    und liebend, wenn ich's recht erwäge,
        einzig gedachte des wackren Schiffes

und seiner Führer, vom Kapitäne bis

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zum Heizer, die dein grausiges Todesdrohn
    mit schlichter Zucht und Mannheit brachen,
        irrlos aufs morgende Ziel gerichtet.

Umsonst war's damals, wie du auch wütetest.
Allein du sorgst entrissener Beute nicht.

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    Und spottet dein der Bug von Eisen,
        rettet sich schwer die befallne Barke.

An armer Fischer Hütten und Booten hast
du dich geübt, vergriffen an ihnen selbst;
    die kümmerlich von dir sich nährten,

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        hast du zerschmettert an deinen Klippen!

Und doch - und doch! Treubrüchig-vergessliches,
kühl-heiteres, schicksalsträchtiges, ewiges Meer,
    ich lieb', ich lieb' dich auch noch, wenn du
        männerverschlingende Wogen schleuderst,

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ein Gleichnis ungebrochener, erster Kraft,
ein Zeugnis ungezähmtesten Herrentums,
    Länder andonnernd, deren Völker
        gram dem heroischen Traum hinwandeln

vertieftem Lebens, träge hinabgebeugt

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in müder Weisheit ärmliches Regeljoch,
    sich mühend, ein Geschwärm Termiten,
        emsig und zärtlich, zur Ehre Gottes, -

des Gottes nicht, der Deiner Geweide Sinn:
als der ein Gott groß-schreitender Leidenschaft,

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    ein Gott, noch jeden Augenblick Manns,
        Welten zu stürzen wie zu gebären ...

Von hohen Alpen schau' ich dich, Ozean,
wie du des Landes felsige Küste stürmst,
    des Landes, des ich treu gedenke,

60

        zürnend gedenke wie einer Heimat, -

und ruf dir zu, feindseliger Freude hell:
Dank, Dank, dass du noch Du bist, Verwegener,
    dich selbst erfüllend und dein Wesen, -
        sei's um den Preis auch knirschender Opfer -!

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Bis einst der Mensch, gewachsen an deinem Bild,
dir's heim in ebenbürtigen Taten zahlt, -
    und Du ohnmächtig knirschst und frohndest
        deinem dich peitschenden Xerxes, Sklave!

 

 

Lyrik | Und aber ründet sich ein Kranz
Wir merkten bald im Reden-Wechselspiel | Wir wussten uns nichts mehr zu sagen | Mit dir, wer weiß, würd' ich noch manche Pfade | Auch bist fremd und feind den großen Worten | Schneefall | Wie kam es nur? | Du bist so weit oft fort | Vergessen | Ein Weihnachtslied | Deine Rosen an der Brust | Den langen Tag bin ich dir fern gewesen | Ich wache noch in später Nacht und sinne | Du bist mein Land | Es kommt der Schmerz gegangen | In einer Gletscherspalte | Mit einem Lorbeerblatt | Und wir werden zusammen schweigen | Und so verblasste goldner Tag | Lärchenwald im Wintermorgenstrahl | O braune, nährende Erde, so lange schliefst | Die Berge stehn | Mond am Nachmittag | Ein Wassertropfen in verschlungnen Kehren | Ein Schlänglein dehnt sich übern heißen Steig | (Nordstrand) | (Molde) | (Bergen) | O sieh das Spinnenweb im Morgensonnenschein | Einer Schottin | Einer jungen Schweizerin | Was kannst du, Süße, wider dies, dass so schön | Wer seine Sehnsucht so wie einen dritten Gaul | O Schicksal, Schicksal, Schicksal, warum gabst mir | O Seele, Seele mit dem beweglichen Spiegel | O, wer sie halten könnte, die hellen Gedanken, die | Ode an das Meer | Caesari immortali | Vor einer Büste Schopenhauers | Nur immer rein des Zweifels ewig spülenden Quell | Noch niemals fiel es irgendeinem Volke ein | Das Unerträglichste, was es auf Erden gibt | (Segantini) | An Ludwig Jacobowski (†) | Du hast nie andre denn dich selbst gehört, mein Freund | Hab' ich dich endlich, armer Freund, dahin gebracht | Man preist's Resignation; doch endlich ist es nichts | Den stehngebliebnen Zeiger meiner kleinen Uhr | Wer wahrhaft Künstler, lacht des ganz Armseligen | (Nietzsche) | Wind, du mein Freund | Glückselig nach dem Regen lacht | Butterblumengelbe Wiesen | Von Frühlingsbuchenlaub ein Dom | Feuchter Odem frischer Mahd | Das sind die Reden, die mir lieb vor allen | Wie der wilde Gletscherbach | Bergschwalben rauschen durch die Luft | Des Morgens Schale quillt von Sonnenlicht | Welch ein Schweigen, welch ein Frieden | Bleich in Sternen steht der Raum | Inmitten dessen, was wir uns erzählten | Ich liebe dich, Seele, die da irrt | Was denkst jetzt | O weine nicht! Ich weiß, ich tu dir weh | Nebelgewölke, den Berg entlang | Sahst nie der Dämmrung grelle Helle | Augusttag | Septembertag | Vorabendglück | Abendkelch voll Sonnenlicht | Es gibt noch Wunder, liebes Herz | Ein Wanderlied, vom Abendwind vertragen | Und wenn du nun zur dunklen Ferne treibst | Mit diesem langen Kuss | Liebe, Liebste in der Ferne | Und aber ründet sich der Kranz | Erster Schnee


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 391ff.