Peter Wiesmann: Carmina lunovilia. Artemis Verlag. Zürich. 1965

Aus DCMA
(Weitergeleitet von Peter Wiesmann)
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

Umschlagbild: Darstellung eines Dornausziehers auf einem frühromanischen Säulenkapitell der Kirche St-Jean in Grandson (Schweiz) Foto: Schweizerisches Landesmuseum
Titel
Carmina lunovilia
Gedichte von Christian Morgenstern
Ausgewählt, ins Lateinische übertragen und mit einem Wörterverzeichnis versehen von Peter Wiesmann
Verlag, Auflage
Artemis, Zürich, 1965
Reihe: Lebendige Antike
Seiten, Größen, Bindung
63 S.
Paperback
Vorwort

Christian Morgenstern in die lateinische Sprache umzusetzen
mag als ein gewagtes Unterfangen erscheinen, und
die Kritiker werden uns Vorhalten, es vermöge der besonderen
Eigenart des Dichters nicht zu entsprechen. Nun
scheint ja vielleicht die unerbittliche Klarheit und Eindeutigkeit
der lateinischen Ausdrucksweise dem deutschen
Vorbild in seiner Hintergründigkeit zwar nicht gerecht zu
werden, doch sind wir uns der Grenzen sehr wohl bewußt,
welche einer solchen Übertragung gesetzt sind: Morgenstern
ist ja einer Übersetzung nur dort annähernd zugänglich,
wo er sich auf die scheinbar übliche Form eines äußerlichen
Sprachausdruckes beschränkt; wo er sich aber seinen
komischen Sprachspielereien zuwendet oder gar aufsteigt
zu seinen närrischen Neuschöpfungen, dorthin vermag ihm
eine Übersetzung natürlich nicht mehr zu folgen.
Aber da man ja «mit der lateinischen Sprache spielen kann
wie mit einer Katze», konnten wir die Finger von Morgensterns
Gedichten doch nicht lassen, und es juckte stets
wieder aufs neue, das übermütige Spiel zu wagen.
Für die Auswahl der Lieder waren uns die von uns angedeuteten
Grenzen maßgebend, ihre Reihenfolge aber ist,
vom ersten und vom letzten Gedicht abgesehen, völlig will­kürlich.
An die erste Stelle aber haben wir den «Galgenberg»
gesetzt, weil er nach unserer Meinung den maßgebenden
Schlüssel enthält zum Verständnis des Ganzen und eben
auch das Spiel vor anderen rechtfertigt und diesem seinen
tieferen Sinn gibt.
Das gleiche soll auch das Titelbild dieses Büchleins besagen,
welches uns geradezu als eine Illustration erscheinen
will zu den Worten des «Galgenbergs»: «Blödem Volke un­verständlich
/ treiben wir des Lebens Spiel»: Diese köstliche

Darstellung eines Dornausziehers findet sich auf einem
frühromanischen Säulenkapitell der Kirche St-Jean in Grandson.
Sie mutet fast an wie eine Karikatur auf den berühmten
«Spinario» auf dem Kapitol in Rom: Wie dieser richtet er
seine ganze Aufmerksamkeit darauf, einen Dorn aus seiner
Fußsohle zu ziehen, in welchen er getreten war. Zu seiner
Linken aber und zu seiner Rechten stehen zwei groteske
Gestalten, welche in frivoler Art ihren Spott treiben mit
ihrer Mitwelt, die eine pfeift auf sie, und die andere streckt
ihr die Zunge heraus.
Mag auch ursprünglich ihr Meister den Figuren einen anderen
Sinn gegeben haben - innerhalb des ganzen Kapitellzyklus
von St-Jean stellen sie nämlich den heidnischen Menschen
dar, welcher, ins Böse verstrickt, auf die Kirche und
ihre Heilslehre spottet; den Dornauszieher aber kann man
deuten als den ich-bezogenen Menschen, der sich Gott
gegenüber nicht öffnet, sondern, ganz auf sich selbst gestellt,
aus eigener Kraft den «Dorn der Sünde» aus seiner Fuß­sohle
ziehen will -, uns aber stehen sie hier, mit einer leich­ten
Verschiebung des Akzentes, für jene, die, in ihre Kreise
versunken, «des Lebens Spiel treiben» und die scheinbar so
unerschütterlichen Urteile des Banausen in Frage stellen und
seine festgefahrenen Maßstäbe lächerlich machen.
Der Spinario von Grandson stammt überdies aus einer Zeit,
welcher wir uns wegen ihrer lateinischen Vagantenpoesie
in unsern Übertragungen verpflichtet fühlen. An ihrer Me­trik
und Prosodie wird vielleicht der eine oder der andere
Anstoß nehmen und es uns ankreiden, wenn wir uns über
feste, kanonische Regeln hinwegsetzen. Wir tun es so un­bekümmert
wie der Meister von Grandson, in dessen Gro­teske
ja wenig mehr spürbar ist von der klassizistischen Geschlecktheit
des Kapitoliners. Im Zweifelsfalle aber rufen wir
die drei Gestalten des Kapitells als unsere Schutzpatrone an!

Morgenstern hat übrigens mit seiner lateinischen Fassung des
«Mondschafs» den Weg für dieses Spiel selbst freigegeben.
Mag es zwar den Schulmeister in uns noch stutzig machen,
weshalb ihm «lunovis» in der vierten Strophe ein Neutrum
sein soll, und mag es ihn deshalb vermuten lassen, er habe
vielleicht doch nur gebrochen Latein gesprochen, so er­weisen
wir seiner «Lunovis» dennoch unsere volle Reve­renz:
Nach ihr mögen diese Verse als «Carmina Lunovilia»
den Weg hinaus nehmen.
So ist dieses Häuflein Gedichte geworden, ein «verspäteter
Studentenscherz» vielleicht, eine Antwort auf Morgensterns
«Studentenscherz» selbst, seinen «Horatius travestitus». Der
Ball sei zurückgeworfen!
                                                P. W.

Inhalt
Wörterverzeichnis