Richard Dehmel (Zeitschriftenartikel)

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   S. 200

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Für die Monatsschrift für Neue Litteratur
und Kunst. 1897 - 1898


74. Richard Dehmel
     Von Christian Morgenstern

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        "Plötzlich tut, was dunkel war.
        dir sich grund und offenbar;
        und dann kannst du nicht verstehen,
        daß du sonst es nicht gesehen."
        (R.D. "Erlösungen".)

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Gestatte mir, geehrter Leser, ein Wort über den vorauszuschicken,
in dessen Kopf sich heute für Dich Richard Dehmels Bild -
wenn auch nur flüchtig und unvollkommen - spiegeln wird, damit
Du Anregung oder Abregung fändest, Dich mit diesem Dichter
selbst zu beschäftigen. Also: besagter Spiegel begann vor einem

15

Vierteljahrhundert das Licht der Sonne aufzufangen; das
Bild hingegen, das Du in ihm siehst, ist ein Mann von dreiunddreißig
Jahren. Ich füge hinzu, daß Du Dir diesen Spiegel nicht
als eine unbewegliche Glasscheibe, sondern als eine sehr bewegliche
Wasserfläche denken magst.

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Ich stelle dies voran, weil ich nicht anders, weder reifer noch objektiver,
genommen werden will, als ich bin und weil mir gerade
bei Dehmel einmal zugestoßen ist, daß ich mich über ihn aussprechen
mußte, ohne mich ihm recht gewachsen fühlen zu können
und ohne andererseits dies Gefühl und seine Gründe selbst

25

bekennen zu dürfen.
Was mich im Herbst 1896 plötzlich wieder verführte, mich jener
Natur zu nähern, welche so viele Rätsel aufzugeben scheint und
von bitterster Ablehnung bis zu glühendster Verehrung die ganzen
Launen zeitgenössischer Urteile an sich erfährt, war zweierlei

   S. 201

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Goethes West-östlicher Divan und Wandlungen, die ich als
Selbstschaffender durchmachte.
Das souveräne Recht des Menschen, der etwas Bedeutendes auszusprechen
hat, die aller Gemeinregeln vergessende Selbstherrlichkeit,

5

Selbstgesetzgebung einer starken Natur, die gänzliche
Unbekümmertheit einer Seele, ob das, was sie aus dem schweigenden
Dunkel des Werdens ins Reich ihres Lichtes, ihrer Töne
herüberringt, von vielen oder wenigen oder gar keinem verstanden
werde, ging mir damals von neuem auf, machte mir die

10

Kunstforderung "Klarheit" - die man vor Dehmel beständig im
Munde führte — von neuem zur Frage, ließ mich stutzig werden:
Hieß künstlerische Klarheit Volksverständlichkeit? Oder konnte
Goethes Divan ein sehr klares Buch sein und doch in vielem den
allermeisten ganz unzugänglich? Kein Zweifel! Die ganz große

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Kunst ist selten leicht zugänglich, nie eigentlich populär.
Aber werfen wir Anker! ...
Dreimal herrliche Poesie der "Erlösungen", die ich bisher, beschämt
gesteh' ich's, noch nicht gekannt!
Wie oft hab' ich vor dieser "Seelenwandlung in Gedichten und

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Sprüchen" gerufen: Wie ist das möglich? So etwas gab es im
neuen Deutschland? Und du hast nichts davon gewußt?
Nun, heute weiß ich davon und weiß zugleich, daß dies Buch des
Achtundzwanzigjährigen mein ganzes Herz hingenommen hat.
Die folgenden Bücher entschwinden mir wie Menschen, die, ein

25

wenig schneller als ich, vor mir herschreiten. Ich kann sie noch
gut erkennen, aber ich könnte mich doch in mancher Einzelheit
irren. Nur das Drama "Der Mitmensch" hat mich wieder restlos
überwältigt

____________
* Verlag von Schuster & Loeffler, Berlin SW. 46. Sämtliche Werke

30

Richard Dehmels: Erlösungen, Gedichte und Sprüche (3M.). Aber die
Liebe, Gedichte und Geschichten. Zweites Tausend. Mit Zeichnungen
von Thoma und Fidus (4M.). Lebensblätter, Gedichte und Anderes.
Mit Zeichnungen von Sattler (3 M.). Weib und Welt, Gedichte und Märchen.
Mit einem Sinnbild (3M.). Der Mitmensch, Drama (3M.).

   S. 202

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In jenen Auseinandersetzungen eines Feuergeistes mit sich und
der Welt habe ich einen Menschen lieben gelernt. Und alle sollten
ihn mit mir lieben.
Ich müßte Alfred Biese sein (Biese = Wegweiser von deutscher

5

Lyrik), wenn ich die Entwicklungsstufen "Ringen und Trachten",
"Liebe", "Leben und Arbeit" in behäbiger Prosa nachbauen
sollte. Dagegen seien einige Sätze einer kurzen Vorrede
des Buches mitgeteilt:
"Über sein Innerstes nichts, höchstens die eine Bitte: Diese Seelenwandlung

10

zu lesen als die Geschichte einer Jugend, eben
nicht bloß als ein Bändchen von Geschichten zu durchblättern!
Ein mehr Äußerliches ist es, worüber ich mich kurz erklären will:
Die Abweichung von dem alten widersinnigen Brauche, jede
Verszeile mit großer Letter anzubrechen, und die mancherlei

15

Stellen in Sperrschrift. Es herrschen Vorurteile gegen solche Auffälligkeiten,
man wittert poetische Schwächen dahinter oder poetische
- Eitelkeit. Aber man vergesse nicht: Die Druckschrift hat
doch nur den Zweck, das lebendige Sprechen zu ersetzen. Je rascher
das gelesene Wort die Vorstellung des gehörten erweckt,

20

um so besser ist der Zweck erfüllt. Daher alle Regeln der Rechtschreibung,
daher die Interpunktionen und all die anderen Erleichterungen
des Verkehrs zwischen Auge und innerem Ohr.
Und gerade der Versdichter, der seine bannenden Wirkungen
eben den verborgenen Sinnlichkeiten der lebendigen Sprache

25

ablauscht, sollte kein mögliches Mittel verschmähen, durch das
er sein gedrucktes Wort so schnell, eindringlich und fließend, als
wenn er es selbst sprechen würde, dem Leser zu Gemüte führen
kann. Zumal dem, der laut liest, wird damit gedient sein; und erst
der laut gelesene Vers führt in die Tiefen des Urteils wie des Genusses."

30


Ich setze dies hierher, weil das große Publikum den ganzen
Dehmel vom Standpunkt des Gewohnheitsmenschen zu beurteilen
und zu verurteilen pflegt. Der Gewohnheitsmensch - auch
in mir selbst - fühlt sich beispielsweise durch Dehmels neue Art,

35

die Verszeilen zu ordnen, eine Art, welche der Form auch noch

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Figur gibt, und der ich in der Malerei das Bestreben organischer
Rahmengebung vergleichen möchte, anfänglich zuweilen
schockiert. Aber zum Teufel mit unseren Schocks, wenn sie nur
unserer Trägheit, nicht dem Urteil unseres Geschmacks entspringen!

5

Warum sollte es geschmacklos sein, einem Gedichte
auch noch Figur zu geben, warum Figur störender sein als Unfigur?

Gleichviel! wir müssen endlich aufhören, Dehmel zu verdächtigen,
als ob er formliche Spielereien treibe, der von Anfang an die

10

Heiligkeit der Form, der "Tochter des Rhythmus", mit ehrfürchtiger
Feierlichkeit verkündet. Ja, selten mag sich ein Dichter in
eine so straffe, künstlerische Zucht genommen haben, so - erbittert,
möchte ich fast sagen, an sich und gegen sich gearbeitet
haben.

15

Eine Natur von dämonischer Sinnlichkeit, gleicht Dehmel einem
Wettkämpfer, der sich mit den wilden Rossen seiner Leidenschaft,
sie eisernen Griffes bändigend, Triumph auf Triumph erringt.
Daß bei solchem Kampf mit Naturgewalten die Hand des
Lenkers zuweilen zu streng wird, ihnen die schäumenden Köpfe

20

so zornig zurückzügelt, daß sich die Füße gezwungen und künstlich
zu setzen scheinen - wer wird ihm daraus einen allzu schweren
Vorwurf machen?
Schelten wir nicht: Manier!
Anerkennen wir endlich Stil, Kunstwerk. Kultur der eigenen Persönlichkeit!

25


Dies zur Form.
Und was ist's, was uns Dehmels Werke in vielem Inhaltlichen verunklart?

Seine große Wahrhaftigkeit im Objektivieren seiner Leidenschaft.

30

Erkennen wir's endlich! Nicht das Gegenteil: Nicht die
kindliche Absicht zu mystifizieren: sondern der fanatische Trieb
des Psychologen, des Analytikers, des redlichsten Künstlers, der
"in den Stunden seiner Vollkommenheit keinen edleren Willen
kennt, als eben die Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken,

35

die gerade ihn nach seiner menschlichen Beschaffenheit

   S. 204

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am heftigsten bewegen, jedesmal getreu zum Ausdruck zu bringen".

Er wird nach und nach schon verstanden werden, und weil er die
eigenen Tiefen so furchtlos durchleuchtet, wird er auch anderen

5

ihre Seele entdecken und damit beherrschbar und fruchtbar machen
helfen.
Und hier ein Wort an die, welche in solchen Persönlichkeiten nur
Gefahr und Verführung wittern:
Was wißt ihr von der Lauterkeit und dem Adel einer Seele, die,

10

um niemandes Beifall buhlend, nur sich und nichts als sich, das
einmalige, gerade so seiende Mensch-Phänomen, vor Mit- und
Nachwelt darstellen will, ihr, deren Lauheit nie bis zum Letzten
hinunterdringt, die ihr nie auch nur ahnt, was die Seele großer
Menschen bewegt, die sich nicht euch, aber ihresgleichen, nicht

15

dem eiligen Eintag, aber aller Zukunft verantwortlich fühlen, ihr,
denen es nur um ein wenig Wollust und ein wenig Rührung, aber
nie um den Ernst und den Segen hoher Kunst zu tun ist!
Und wenn ich an die reifenden Jünglinge denke und an die
"wohlerzogenen" Jungfrauen - was Wohlerzogenheit, die euch

20

ins Große, Überalltägliche, in die wahren Schauer und Trunkenheiten
des Lebens immer nur das Kleine, Gemeine hineindeuten
läßt! Hier sind andere Erzieher; denn sie werden euch - wenn
ihr nur reif seid, zu hören - Ehrlichkeit, Furchtlosigkeit, Weitblick,
Herzensgröße, Selbstherrlichkeit, einsame Ziele, alles in

25

allem eine stolze, würdige Daseinsbejahung lehren.
Noch einmal: Dehmels Grundwesen - und im weiteren aller derer
unter uns, die Zukunft in sich haben - brennt um die hehren
Liliencronschen Worte, die den Leitspruch zu "Aber die Liebe"
bilden:

30

        Auf meiner Schlachtfahne
        Soll in leuchtender Schrift
        Das edelste Wort glänzen:
            "Selbstzucht".

   S. 205

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Man schlage Dehmels Bücher auf: Kein Flickwerk, Stückwerk -:
Guß, besser noch Schmiedearbeit! Schon in den "Erlösungen",
wo die sprachliche Individualisierung noch auf ihrer ersten Stufe
steht!

5

Da ist ein Sonett "Wollust" (nach Shakespeare), das man hören
muß, weil es Dehmel in dreifacher Weise als Übertragungskünstler,
als Sprachmeister, als Temperament charakterisiert:

        In wüster Schmach Vergeudung heil'ger Glut
        ist Wollust, wenn sie praßt, - und leergepraßt

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        bricht Schwüre sie, verleumdet, lästert, haßt.
        buhlt mit dem Grauen, bangt und giert nach Blut, -

        gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt, -
        sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
        sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,

15

        als hätt' ein Tollkraut die Vernunft zerfetzt, -

        maßlos im Rausch, im Taumel, in der Wahl, -
        im Wunsche Wahnsinn, Wahnsinn in der Brunst, -
        erdürstet Üppigkeit, genossen Dunst, -
        verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual...

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        Ach, Jeder kennt und - Jeder geht den Weg:
        zu dieser Hölle diesen Himmelssteg!

Um vom Übersetzer zu reden, so ist das ein Musterstück unter
vielen. Andere sind Nachdichtungen nach dem Französischen,
Polnischen, Spanischen, Italienischen. Schwedischen, Chinesischen.

25

Aber was sind diese Übungen der künstlerischen Kraft auf
im allgemeinen vorgezeichneten Bahnen gegen jene Kunst, die
seine eigenen Innerlichkeiten ins Wort übersetzt! Da bannt uns
immer wieder eine Ausdrucksfähigkeit zartesten Reizes bis elementarster
Kraft, da nimmt oft eine Phantasie das Wort, deren

30

sich ein Dante, ein Shakespeare nicht zu schämen brauchte.
In den "Erlösungen" quellende, unerschöpfliche Jugend, in
"Aber die Liebe" streng gezügelte Mannheit. in den "Lebensblättern"

   S. 206

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ein stilleres Ruhen und Reifen, in "Weib und Welt" ein
Ernten voll heiter-ernster Bewußtheit - so etwa grüßt uns die Lyrik
dieses Poeten, den man nicht genug verkennen kann, um sich
am Ende von ihm überwältigen zu lassen.
Wer liebt Musik? Der höre, wie Dehmel die "Erscheinung" eines
Freundes - eines Geigers - erzählt, der in seiner Schwermut einst
Hand an sich gelegt hat!

        ..... Da kam es her, wie einst so mild,
              so bang und sacht,
              aus ferner Nacht;
              so kummerschwer
              kam seiner Geige Hauch daher,
              und vor mir stand sein stilles Bild.

              Der mich umflochten wie ein Band,
              daß meine Blüte nicht zerfiel
              und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
              die große Sehnsucht ohne Ziel:
              so müd er nun, so trüb er stand,
              und stand so dumpf und feierlich,
              und sah nicht auf noch grüßte mich, -
              nur seine Töne ließ er irr'n
              und weinen durch die bleiche Flur,
              und mir entgegen schaute nur
              auf seiner Stirn,
              ein Auge hohl und rot und fahl,
              der tiefen Wunde dunkles Mal...

Oder er lese laut ein Gedicht, das also anhebt:

              Ich trug einen Ring mit drei Opalen,
                  viel Märchen schuf der bleiche Stein,
              scheu wie das Glück sind seine Strahlen,
                  Wasser soll ihren bunten Schein
                      wie Gift zernagen.

   S. 207

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Oder - oder - - wo verlöre ich mich hin, wenn ich aus den vier
Büchern auch nur notwendigste Beispiele herausgreifen wollte!
Es hilft nicht, lieber Leser, Du mußt- horribile dictu - die Bücher
selbst lesen, vielleicht sogar - incredibile dictu - für Deine Hausbibliothek

5

- und zum Verleihen im weitesten Kreise - erwerben.
Denn ich warne Dich vor jedem Nippen an dieser seltsamen Persönlichkeit.
Wer nicht Willen und Muße fühlt, sich lange und
ernst in sie zu versenken, in vielen Stunden - nicht der ersten
Begeisterung, sondern - seines Lebens zu ihr zurückzukehren,

10

dem gibt sie nichts, den stößt sie ab. Wer aber gräbt, wird so bald
nicht fertig werden. Er wird ohn' Ende befruchtet und gesegnet
werden und zuletzt in ihr entdecken, was Dehmel selbst von jedem
großen Künstler verlangt: "Kulturgewissen".
Aber die Liebe! höre ich einwenden.

15

Nun, wie? ist er ihr Sklave oder ihr Herr? hat er nicht selbst das
Zerstörendste fruchtbar zu machen gewußt, als er die Göttin der
Liebe zwang, ihm zwanzigmal in verwandelter Gestalt Rede zu
stehen? Diese "Verwandlungen der Venus" sind - bei aller vielfältigen
Unklarheit, die mehrere Stücke für mich noch nicht verloren

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haben - eine monumentale Schöpfung, eine in ihrer Kühnheit
und Tiefsinnigkeit einzige dichterische Tat. Wer hier nur
brennende Leidenschaft, rasende Sinnlichkeit sieht, sieht nicht
genug. Er sieht nicht die mächtige Schöpferhand, die dem Chaos
Ordnung abgewann. Er vergißt, daß er dem Triumph eines Überwinders

25

beiwohnt, der am Schlüsse zu sich selber sagt: "Mit dem
Ausdruck des Verächters sollst du dem alten Garten kalt entschreiten!"

Die moderne Literatur weist genug Erotik auf, - aber Erotik allein
tut's freilich nicht, sondern der Geist der Kraft, der in und

30

über der Erotik ist.
Aber ist Dehmel wirklich so einseitig erotisch? Hat er nicht auch
soziale Balladen geschrieben, wie etwa jenes außerordentliche
Gedicht "Vierter Klasse", das die Leiden der Auswanderer mit
der ehernen Tragik alles Menschenschicksals so hinreißend in

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eins verwirkt (nebenbei gesagt, dem, der seine spätere Fassung

   S. 208

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mit seiner früheren vergleicht, ein hochinteressantes Beispiel
dazu, wie Dehmel an seinem Stil arbeitet), nehmen nicht philosophische
Visionen. Phantasien, Legenden, psychologische Studien
einen breiten Raum ein?

5

Und seine Epigramme und Sprüche! Wie er etwa der himmlischen
Anmut der Sixtinischen mit den vier köstlichen Zeilen
dankt:

        Reinster Schönheit rein Empfangen:
        Freude krönet das Genießen

10

        und die Freude ein Verlangen.
        sich als Liebe zu erschließen.

Oder seine entzückenden, den eigenen Kindern gesungenen Kinderlieder,
von denen "Fitzebutze" das bekannteste ist, und welche
der letzte Band wieder um einige liebliche Gedichte und ein

15

Märchen bereichert!
Und seine Burlesken gegen Afterkunst, Heuchelei, metaphysischen
Schwulst, Pfäfferei, die große Satire, im Entwurf eines
Heinedenkmals kulminierend, der phantasie- und humorsprühende
"Hamburger Lästerbrief".

20

Ja, überhaupt seine Prosa, gedrungen, bilderschwer, beziehungsreich,
ineinandergekeilt wie seine Verse und doch dabei im genannten
Brief, den man auch "Besuch und Phantasie bei Liliencron"
nennen könnte, von Tempis - vom schwersten Ritardando
bis zum graziösesten und tollsten Scherzo - daß einem das Herz

25

im Leibe lacht. Oder, ein anderes der eingestreuten Prosastücke
zu erwähnen, die "bedenkliche Geschichte" von der Rute, wo er
aus väterlicher Erfahrung erzählt, wie denn gerade das ein so
lebensvolles Moment seiner Kunst ist, daß sie sich so eng ans eigene
"fortschreitende Leben" hält. Sie führt uns in seine Kindheit

30

zurück ins elterliche Forsthaus bei Wendisch Hermsdorf in
der Mark: - "am Eichenhain, am Pappelbach, weit, weit am
Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und am andern
Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen
alten Kirchturm und dem gelb getünchten Schulhaus" -, sie

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beschreibt uns den Vater mit dem grimmigen Rübezahlbart, der

   S. 209

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Hakennase und dem strengen, forschenden Auge, das doch zuweilen
so herzlustig blitzen kann - "so hatte er als Kind sich immer
den lieben Gott geträumt" - und die Mutter, deren herbster
Tadel sich nie weiter als zu einem "Du bist wohl wunderlich,

5

Jung'?" versteigt. Und immer kehrt der dunkel und trotzig rausehende
Kiefernforst in seinen Gedichten wieder, wie ein Grundbass
zu seinem ganzen Wesen.

        Komm Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst,
            schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben,

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        in scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst,
            gieb mir die Kraft, Einsam zu bleiben,
                                Welt!

Man errät, wie Dehmel die Natur in seine Innenwelt hineinzieht,
wie tief er sie verinnerlicht, verpersönlicht. Seltener, daß sie ihn

15

aus sich selbst begeistert, wie in den Versen, die ich zitieren muß,
weil nur Goethe sie sonst noch gemacht haben könnte:

        Wenn die Felder sich verdunkeln,
        fühl' ich, wird mein Auge heller,
        schon versucht ein Stern zu funkeln,

20

        und die Grillen klingen schneller,

        jeder Laut wird bilderreicher,
        das Gewohnte sonderbarer,
        hinterm Wald der Himmel bleicher,
        jeder Wipfel hebt sich klarer,

25

        und du merkst es nicht im Schreiten,
        wie das Licht verhundertfältigt
        sich entringt den Dunkelheiten,
        plötzlich stehst du überwältigt.

Wen diese letzte Zeile nicht außer sich bringt, mag überhaupt

30

keine Gedichte lesen.
Aber ich fühle schon manchen sich danach sehnen, daß ich endlich
einmal davon ablasse, mich für Dehmel zu begeistern und

   S. 210

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nun endlich damit herausrücke, worin er "hätte" anders werden
"sollen", was "man" an ihm anders "wünschte" usw. Aber ich
bedaure unendlich. Wo ich so zur Bewunderung hingerissen
werde, wo ich so schönes Menschentum beim Werk sehe, kann

5

ich nicht kritteln. Ich tat es, als ich Dehmels Poesie noch nicht tief
genug kannte. Wohl ist er mir zuweilen im Wort unverständlich,
im Stoff wunderlich, aber nicht mehr in dem Wesentlichen, was
er will und was er kann. Vor dem dürfen wir alle Ehrfurcht haben.
"Es ist ja nicht das einzelne Werk, was eines Künstlers höchste

10

Geltung und Bedeutung ausmacht; es ist das Ganze seiner Lebensarbeit.
Sieh dir Goethe an."
Als Lyriker hat Dehmel noch nicht sein letztes, als Dramatiker
erst sein erstes Wort gesprochen. Als Epiker will er demnächst -
in einem Roman in Versen - das Wort nehmen.

15

Ich sagte schon, wie sehr mich das Drama "Der Mitmensch" gepackt
habe. Ich hatte vorher nur spötteln gehört, daß ein schwarzer
Diamantring eine Hauptrolle darin spiele. Aber in welchen
Strudel fühlte ich mich gezogen, als ich das Stück selber las. Welches
grandiose Grundproblem, welche Charaktere, welche harte

20

Energie der Ausführung, welche Kunst der natürlichen und doch
so konzentrierten Sprache!
Man hat versucht, das Stück als reine Theorie, als Experiment
hinzustellen, aber wer Dehmels Lyrik mit tieferem Interesse verfolgt
hat, wird vermuten dürfen, daß er jede dieser Personen

25

selbst erlebt hat.
Der "Mitmensch" ist der Bruder eines genialen Architekten, dessen
Schaffensweg ein Weib und - als dieses sich getötet - die
Rachsucht des betrogenen Verlobten dieses Weibes zu stören
droht. Ernst ist nichts als Bruder, als Mitmensch - ein Arbeitsloser,

30

Überflüssiger, Ohnmächtiger, wie er sich selbst nennt - und
sich selbst nur in Beziehung auf seinen Bruder Peter wertvoll. Da
wird ihm Gelegenheit, sich für ihn zu betätigen. Er wird Thora
zwingen, Peter zu entsagen. Sie will es tun, aber die Unmöglichkeit,
sich zugleich von ihrem brutalen Verlobten Balf zu befreien,

35

treibt sie zur Pistole. Der errät, als er nach Thoras Tode ihren

   S. 211

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Diamantring an Peters Hand erblickt, dessen Beziehung zur Toten
und beschimpft ihn und sie. Ein Faustschlag Peters stürzt ihn
zu Boden. Der Ring hat ihm das linke Auge ausgeschlagen. Ernst
will die Tat auf sich nehmen: "Du brauchst Freiheit!" Aber Peter

5

will sein Bruderopfer nicht.

Ernst: Dann geh! Hol nur den Arzt! (Peter ab.)
Ernst (sieht einen Augenblick zu Boden, die linke Hand aufs
Herz gepreßt, blickt dann entschlossen auf, kurz): Ja!
Er nimmt den Revolver aus dem Schreibtisch. Nun steht er lächelnd

10

vor dem Liegenden, spannt den Hahn, sagt leise vor sich
hin:
"In Gottes Namen"
und setzt ihm den Revolver an das linke Auge auf den Blutfleck.
Wenn der Vorhang bis zur Tischhöhe gesunken ist, fällt der

15

Schuß.

Dies in gröbster Führung - und ohne Motivierungen - die Hauptlinie
des Dramas, - keines Experimentes, sondern eines erschütternden
Lebensdramas von unberechenbarer Fernwirkung, eines
Zukunftswerkes, über dem der Segen Zarathustras ist, der

20

spricht:

Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende,
denn es sind die Hinübergehenden.
Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden
sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem anderen Ufer.

25

Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund
suchen, unterzugehen und Opfer zu sein, sondern die sich der
Erde opfern, daß die Erde einst des Übermenschen werde.

Über Richard Dehmels einsamem Künstlertum selbst liegt es wie
ein Segen jenes Gewaltigen.

30

Zucht, Zucht, Zucht! das ist das Wort, in dem die schrankenlos
Freien, die neuen Menschen sich finden.

 

 

Kritische Schriften:
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Monatsschrift für Neue Litteratur und Kunst: Richard Dehmel · Zur neuen Ära

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 200ff.


In der Wiedergabe des Artikels im Band VI der Stuttgarter Ausgabe wird die Fußnote auf der zweiten Seite (S. 201) des über 12 Seiten reichenden Abdruckes aufgeführt, allerdings ohne, daß im Text ein entsprechendes Sternchen zu finden wäre. Herr Prof. Dr. Habel gibt dazu folgende Auskunft:

"Heute habe ich endlich nach 5 Wochen die Kopie aus der Zeitschrift "Monatsschrift f. neue Lit. u. Kunst" von der Staatsbibliothek Berlin bekommen und stelle fest, daß dort das Sternchen im Text auch fehlt. Dort steht die Fußnote am Ende der Seite nach "…Wasserfläche denken magst.", was aber Zufall sein kann. Jedenfalls gibt es im Erstdruck keinen direkten Bezugspunkt für die Fußnote, deren Inhalt ja auch eine Aufzählung aller Werke umfaßt und sich in sofern auf alles beziehen kann."
Quelle: Email vom 25.09.2007 an den Archivar

Zu den im Text angesprochenen "Verwandlungen der Venus" hat sich CM auch poetisch geäußert: Eine Threnodie auf den Doktor - nicht den Dichter - Dehmel, als ich seine neuen "Verwandlungen der Venus" gelesen.

"Verwandlungen der Venus" sorgt zu Dehmels Zeiten für einige Aufruhr: Vor 100 Jahren: Venus-Gedicht muss geschwärzt werden

Wikipedia:Richard Dehmel