Rudelstadt, Sommer 1890

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Ich wohnte einst zum Sommeraufenthalte
in einer Bäurin Haus. Die Alte
gewann mich lieb, weil ich mich gehen ließ,
kreuzlustig war und niemals Trübsal blies,

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und hielt mich öfters fest, wenn ich, den Stock in Händen,
war im Begriff, den Schritt aufs Feld zu wenden.
Einst hatt' ich mich an solchem Nachmittage,
wo jedes Wandern wird zu grauser Plage,
gemütlich auf mein Sofa hingestreckt - doch nicht

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zu ruhn! Nein, nein, ein schwungvolles Gedicht,
des Keim sich lang in meiner Brust schon regte,
das sollte jetzt entstehn. Ich schrieb und überlegte,
dann wieder las ich laut mir alles vor,
ob es auch günstig klinge für das Ohr -

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so ging es wechselnd fort zwei lange Stunden.
Nun war es fertig. Langsam hingeschwunden
war schon der Sonne Glut. Ein kühler Luftzug fuhr
durchs offne Fenster. Einmal wollt' ich nur
noch prüfen mein Gedicht, ob es gelungen:

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drum hab' ich's frisch, wie es mir kam, - gesungen.
Drauf aus der Türe und mit einem Sprung
die Trepp' hinab. "Ja, ja, wenn man so jung",
sprach lächelnd meine Alte, "ist's nicht schwer!"
Ich lachte - "Nichts für ungut!", doch noch mehr

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schien reden sie zu wollen. Ich hielt an.
"Was wollen Sie eigentlich werden, junger Mann?" -
"Was werden? Das ist nicht so leicht zu sagen - "
gab ich zurück, belustigt durch ihr Fragen,
"erst muss ich das Gymnasium absolvieren,

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gedenke in Berlin dann zu studieren, -
und welcher Stand mir dann zumeist gefallt,
das lasse ich vorerst dahingestellt.
Doch warum intressiert Sie das?" - "Ich dachte - "
sprach zögernd sie und schwieg dann still und lachte -

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doch schließlich fuhr sie fort: "Mein junger Herr,
ich hab gedacht, Sie würden Geistlicher!"
"Ich, Geistlicher? Wie kommen Sie darauf?"
Nun ließ sie ihrer Zunge freien Lauf:
Sie hätt' geglaubt vom ersten Augenblick,

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zum Geistlichen, da hätt' ich viel Geschick,
ich würde stattlich auf die Kanzel passen
und ganz gewiss ein jedes Herz erfassen.
Denn pred'gen könnt' ich sicher sehr gelehrt,
da sie schon manchmal reden mich gehört,

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wenn ich mit Deklamieren ohne Ende
unsicher machte meines Stübchens Wände.
Auch hätt' ich dann ein sehr bequemes Leben -
kurzum, was könnt' es Schönres für mich geben?
Ich musste lächeln, wie sie sich bemühte,

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mir auszumalen jenes Standes Güte.
Doch endlich rief ich: "Gute Frau, verzeiht,
allein ich tauge nicht zur Geistlichkeit!
Ich bin ein Weltkind, ich will haun und stechen,
für alles Gute meine Lanze brechen,

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doch dafür ist die Kanzel mir zu klein -
mein Kampfplatz, der muß größer, größer sein!"
Verwundert sah die Alte, und sie dachte
gewiss, es sei recht schade. Doch ich lachte
und zog den Hut: "Lebt wohl, auf Wiedersehn!"

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Ich flog hinaus ins Freie, auf die Höhn,
dort wo der Sturmwind braust sein stolzes Lied,
wenn er durch heil'ges Tannendunkel zieht.
Hoch schlug die Brust und sog die Bergluft ein -
mein Kampfplatz, der muß größer, größer sein!

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Doch wenn ich's heut, nach Jahren, überdenke,
was damals ich im Jugendstolz gesprochen,
sie könnte sehn, wie ich mein Auge senke.
Und hätt' ich mir den Weg nicht abgebrochen,
wer weiß, ob sie nicht hätte Recht behalten.

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Denn wollt' ein größres Feld ich mir erstreben,
der Menschen Seelen liebend zu gestalten,
vergeblich sucht' ich's überall im Leben.

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 1
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 510ff.


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