Sascha Schneider

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29. Sascha Schneider

Daß jedoch die großen Individualitäten nicht ganz einsam in ihrer
Zeit stehen, dafür ist genugsam[1] durch die menschliche Natur
selbst gesorgt. Anstelle des Lehrens treten die großen Anregungen,
die von ihnen ausgehen.

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Ein solcher Angeregter ist der Deutsch-Russe Sascha Schneider,
der aus Dresden in den Gurlittschen Salon bedeutende Kreidekompositionen
gesandt hat. Blätter wie "Anarchist" und
"Schuldbewußtsein" kann nur ein echter Künstler schaffen. Einfachheit,
Abwesenheit aller Pose, glücklichste Symbolisierung einen

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sich da mit trefflicher Zeichnung zu zwingenden Kunstwerken.
Dem gegen die starren assyrischen Königsbilder mit der rauchenden
Bombe schwankenden Mann, welchem man, obschon
er uns den Rücken wendet, bis in die Seele sieht, und der Szene

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des anderen Kartons, die den Schmerz grausigster Unentrinnbarkeit
vor sich selbst überwältigend zum Ausdruck bringt, steht
ebenbürtig die große Komposition "Christus und das Volk" zur
Seite. Vor einem Kreuz, auf dem man "Freiheit" und "Brüderlichkeit"

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geschrieben liest, redet ein - realistisch gehaltener -
Christus zu den gespannt heraufhorchenden Gesichtern gewöhnlicher
Leute hinab. Aber während er dem Volk voll Mitleid seine
Botschaft der Nächstenliebe predigt, klammert sich ein vampyrartiger
Satan hinten an das Kreuz und pfaucht über den Querbalken,

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worauf "Gleichheit" zu vermuten ist, seinen giftigen Odem
in den Baum. Hat Sascha Schneider damit die entsetzliche Gefahr
bezeichnen wollen, die den Menschen drohen würde, wenn
sie die Gleichheit bis zur äußersten Konsequenz durchführen
wollten, wie es etwa Friedrich Nietzsche in seiner Vision "Vom

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letzten Menschen" andeutet, oder will er sagen, dass das Evangelium
der Liebe die Aufreizung zum wildesten Hasse in sich bergen
kann, wenn es die Besitzlosen vor die Frage stellt: Warum
stellen wir diese ideale Gleichheit nicht her?
Die übrigen Kompositionen halte ich - "Christus und Judas" vielleicht

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ausgenommen - nicht für in ganz gleicher Weise gelungen,
doch sind auch sie von hohem Interesse. Eine große Gefahr liegt
bei solchen Gedankendichtungen in der Versuchung, hin und
wieder etwas zu posieren. Es gilt auch für den jungen Künstler
diese Klippe zu vermeiden: dann werden noch reife Werke zu erwarten

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sein.

 

 

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Fußnoten

  1. noch nicht klar, ob es sich um einen Rechtschreibfehler handelt: genügsam

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 104f.


Wikipedia:Sascha Schneider