Schimpff und Schande

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4. Schimpff und Schande

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    Eine bezüglich der Namen wahre Geschichte.

Es war einmal eine Großmutter, die hatte zwei Enkel. - Daran ist
nichts weiter. - Aber daß der eine Enkel, ihrer älteren Tochter
Sohn, Gottlieb Schimpff hieß, indem daß sein Vater der Roßschlächter
Schimpff war, den jedermann kennt; - aber daß der

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andere Enkel, ihrer jüngeren Tochter Sohn, Arthur Schande hieß,
indem daß dessen Vater der Supernumerar Schande war, den nur
sein Vorgesetzter, sein Hund und meine Wenigkeit kennt - darin
liegt unzweifelhaft ein ganzes kleines Erotennest schäkernder
Gedankenputtchen.

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Schon als Kinder waren der kleine Schimpff und der kleine
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Schande unzertrennlich. "Es ist Schimpff und Schande!" rief die
Gasse, in der sie aufwuchsen jedesmal, wenn irgend etwas Skandalöses
vorfiel, und mit Recht! Denn die beiden Jungen steckten
mit ihren losen Streichen hinter allem.

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Als sie älter wurden, geschah es, daß Onkel Veit an ihnen Gefallen
fand und - wie der Mars seine zwei Monde - wo er ging und stand
die beiden Knaben ins Schlepptau nahm.
Eines Tages sprach er zu ihnen: "Packt eure Zahnbürsten ein,
denn wir wollen eine Reise machen."

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Als Onkel Veit am Schalter drei Fahrkarten löste, erschienen sie
ihm ungeheuer teuer. "Schimpff und Schande!" rief er laut, indem
er sich nach den beiden umwendete: "so viel Geld muß man
dem Staate hinlegen, bloß weil er den Zonentarif nicht einführen
will."

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"Wie, mein Herr!" schrie der Beamte durchs Gitter - "was haben
Sie gesagt? Schimpf und Schande? Das ist eine Beleidigung der
Obrigkeit!"
Mit kurzen Worten klärte Onkel Veit den Beamten über seinen
Irrtum auf, und der gute Mann entschuldigte sich tausend Mal.

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Die Reise nach München führte den Onkel über Graz. Als er die
Details über das unverantwortliche Verhalten der Behörden bei
den Rettungsarbeiten vor der Lugloch-Höhle hörte, schlug er mit
der Faust auf den Kneiptisch, an dem er saß, und rief seinen
Neffen, die nebenan Billard spielten, zu: "Was meint ihr,

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Schimpff und Schande! so was war' bei uns in Preußen doch nicht
passiert!"
Sofort sprangen zwei der sonst so gemütlichen Österreicher auf
ihn zu, um ihn voll Erbitterung in die Lugloch-Höhle zu schleifen.

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Mit kurzen Worten setzte Onkel Veit den rabiaten Magistratspersonen
ihren Irrtum auseinander, so daß diese nach tausend Entschuldigungen
sich so weit verstiegen, ihm das "Du" anzubieten,
was er jedoch leider nicht annehmen konnte.
Zwei Tage später wurde in München die Glyptothek besichtigt.

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Plötzlich rief Onkel Veit seinen Neffen, die etwas zurückgeblieben
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waren, mit Stentorstimme ein über das andere Mal zu, während
er sich vor Lachen schüttelte: "Schimpff und Schande!
Schimpff und Schande! Seht nur diese kolossalen Feigenblätter
aus grünlackiertem Blech - Gott! wie sieht die Aeginetengruppe

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aus!"
Jedermann blickte - teils bei- teils abfällig - auf den Rufer, und
zwei Beamte eilten mit fliegenden Zöpfen herbei, um den arglosen
Onkel aufs Gröblichste in seinem beschaulichen Kunstgenuß
zu stören und ihm die Türe zu weisen.

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Mit kurzen Worten klärte Onkel Veit die Aufsichtsräte über ihren
Irrtum auf, und die guten Leute entschuldigten sich tausend Mal.
Am Abend nahm der liebe alte Herr das Paar ins Hoftheater mit.
Er erhielt jedoch keine Plätze mehr - "denn" sagte der Billeteur,
"das halbe Theater ist fest abonniert, so daß Sie am besten schon

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acht Tage vorher die Plätze bestellen, wenn Sie überhaupt welche
bekommen wollen."
"Schimpff und Schande!" rief Onkel Veit seinen Lieblingen zu -
"das halbe Theater haben die Reichen gepachtet; natürlich wird
da der Raum knapp. Schimpff und Schande! kommt gehen wir!"

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"Wie?" kam ein Direktionsbeamter die Treppe herabgestürzt -
"Sie erlauben sich Ausdrücke, mein Herr, - Sie sind ein Unver -"
Mit kurzen Worten erklärte Onkel Veit dem Manne, daß er sich im
Irrtum befinde, und unter tausend Entschuldigungen entfernte
sich dieser. Auf seiner Reise berührte das Kleeblatt noch mehrere

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Städte, kleine und große, von denen nur einige erwähnt seien.
So wurde das Städtchen Eschenbach in Mittelfranken besucht,
das kürzlich ein Wolframs-Festspiel von Paul Heyse auf Veranlassung
seines Benefiziaten zurückgewiesen hat, weil - ein Kuß darin
vorkommt. Onkel Veit ging gerade über den Markt, als ein

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behäbiger Herr des Weges kam.
"Schimpff und Schande!" brüllte er den Jungen zu, die an einem
Schaufenster stehen geblieben waren, und setzte dann etwas leiser
hinzu: "Dort geht der Herr Benefiziat von Eschenbach."
Der Bezeichnete verfärbte sich und winkte einem Nachtwächter,

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der zufällig über die Straße ging. Nachdem er diesem seinen Segen
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gegeben hatte, befahl er gegen den Onkel die Hellebarde zu
fällen und ihn im Namen Gottes und des Gesetzes zu verhaften.
Mit kurzen Worten rechtfertigte sich Onkel Veit, indem er seine
Neffen vorstellte, und die guten Männer baten von Herzen um

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Entschuldigung.
In Düsseldorf fragte der Onkel vergeblich nach dem Heine-Denkmal -
 "Schimpff und Schande!" rief er vor dem Rathause -
"hier gibt es kein Heine-Denkmal." Die Ratsherren sprangen
staubschnaubend von ihren Urgroßvätersesseln und ließen den

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Rufer heraufzitieren. Als aber Onkel Veit den Sachverhalt erklärte,
boten sie ihm in höchster Verlegenheit sogar einen Sitz im
Beratungssaal an, was er jedoch leider nicht annehmen konnte.
In Leipzig - oder war es Dresden, Darmstadt oder Hamburg? -
erfuhr er, daß die Duse nicht auftreten würde, weil man daselbst

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die Aufführung der Heimat wie überhaupt anderer Dramen
nicht wünschte.
"Schimpff und Schande!" rief er seinen beiden Knaben über die
Straße hinüber zu - "in Leipzig darf kein modernes Stück aufgeführt
werden."

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Im Nu war der arglose Onkel von zwölf Philistern umringt, welche
mit den schweren Trotteln ihrer Schlafmützen auf ihn loszuschlagen
im Begriff waren, wenn er nicht den "beleidigenden
Ausdruck" zurücknehme.
"Ja, womit soll ich denn beleidigt haben?" fragte Onkel Veit und

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erklärte, auf seine Worte aufmerksam gemacht, den zwölf Philistern
ihren Irrtum. Unter tausend höflichen Entschuldigungen
verbeugten sich die gemütlichen Sachsen und gingen ihrer Wege.
Nach Berlin zurückgekehrt, ging Onkel Veit eines Abends allein
aus und spazierte die Linden entlang. In einem Hauseingang,

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neben dem es beständig klingelte, erregte eine Wachsfigurengruppe,
eine Szene zwischen Balletteusen und Lebemännern darstellend,
seine Aufmerksamkeit.
"Schimpff und Schande!" rief er mit seiner mächtigen Stimme -
"guckt mal diesen würdigen Schmuck der vornehmsten Straße

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Berlins an!"
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Ganz in Gedanken, hatte er vergessen, daß seine beiden Neffen
heute in Friedrichshagen bei Pastor Hartung waren, und als er sich
nach seinen Worten umsah, waren die Angerufenen natürlich
nicht da, wohl aber eine Meute von Gigerln und Lebemännern,

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welche, ohne seinen Beteuerungen Glauben zu schenken - Teilnehmern
eines sich auflösenden Fackelzuges ähnlich - ihre gewaltigen
Stöcke über dem armen Onkel zusammenwarfen, um dann
den enormen Scheiterhaufen mit Hülfe ihrer als Brenngläser benützten
Monokels durch die Mondstrahlen in Brand zu setzen.

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Als nach einigen Stunden ein Polizist erschien, war der Holzhaufen
bereits so total niedergebrannt, daß der Mann des Gesetzes
nur noch ein kurzes Gebet, als letzte Hülfeleistung, verrichten
konnte. Aber Onkel Veit wird sich, ein Phönix, aus der Asche
wieder erheben und noch manches Mal wird er seinen Neffen die
Welt zeigen, indem er ihnen zuruft: "Seht, so läuft der Hase!
Schimpff und Schande!"

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 26ff