Schlussgespräch mit mir selbst

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"Du Tor, was gehn dich Völker an,
sei du doch erst ein strengbeherrschter Mann.
Was willst mit Staaten du paktieren,
mit Völkern deine Zeit verlieren,

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mit Bleistiftstrichen Welt regieren?
Regiere deine Zunge besser,
nimm die Gedanken unters Messer.
Du weißt, ein 'Dichter' soll nicht predigen,
nicht Dinge, die er nicht versteht,

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begeistert und beschränkt erledigen,
nicht wähnen, er sei ein Prophet,
auf den man warte: er ist bloß
als Bildner großer Träume groß:
Die Perle bild er und den Edelstein.

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Dort schließ er seine tiefste Sehnsucht ein,
ganz tief und streng hinabgebeugt
auf das, was seine Seele zeugt.

Einwärts, einwärts, friss einwärts, Leidenschaft,
dort ist dein Reich. Die ungeheure Kraft

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des Riesen Sinnlos bricht dein Anruf nicht;
kein Muskel zuckt im Tiergottangesicht
des Unholds, der auf seinem wilden Schiff,
gigantisch blickend, hinfährt auf sein Riff.

Was stehst du mitten noch im Menschenbraus,

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lass ab davon, tritt in dein Haus - hinaus,
ihm gleich, den Galiläa einst gebar
und dessen wundervolle Einfalt war,
dass er die 'Welt' zerbrach, um aufzurichten
sein ungemessenes innerliches Dichten.

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Mein Reich ist nicht von dieser Welt, so sprich, -
doch ohne Hass und ohne Priesterschlich.
Mein Reich ist diese Welt und alle Welt,
und außer mir verlässt kein Stern sein Zelt.
So sprich, und sei befreit."

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                                    Ich weiß noch nicht.
Vielleicht tat ich es schon, vielleicht tu ich noch mehr.
Noch träum ich über all Wohin, Woher.
Noch ist dein Meer mir nicht der Meere Meer.
Noch bin ich Wind, den keine Rast besticht.

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 6
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 275f.