V. Vertrau mir, Kind (o. T.)

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V.

"Vertrau mir, Kind!
Wir scheiden nimmermehr,
du wirst auf ewig
diesem Stern entrückt

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und hilfst,
als Königin des Weltalls, mir,
als Weltkoboldin,
leben und regieren!"
So hat der Gott

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zu seinem Lieb gesagt
und es mit tausend Küssen
ihm besiegelt.
Nun liegt die Schöne
bleich in ihren Kissen.

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Verwundert klopft
der Tischler Veit, ihr Vater,
ein Trunkenbold,
doch sonst ein guter Mann
da spät die Glocke schon -

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an ihr Gemach.
Da nichts sich rührt,
betritt er es und sieht:
Sein Töchterlein
ist über Nacht gestorben.

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Der Alte grämt sich sehr;
doch schließlich sagt er:
"Wie Gott will",
nimmt der Tannenbretter vier
und zimmert seinem Kind

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das letzte Heim.
Im Blumenladen,
der nun jäh verwaist,
wird kurze Zeit
die Tote aufgebahrt,

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damit der tränenseligen Verwandtschaft
Gelegenheit geboten sei, ihr "Ach!"
"So jung - und schon ...!"
"Ja, ja, so ist das Leben!"
und Ähnliches

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mit Salbung vorzubringen.
Am zweiten Tage
wird der Raum gesperrt -:
Der Tischler holt sein Zeug,
den Sarg zu schließen.

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In dieser kurzen Spanne
löst der Gott
den Schlaf des Mädchens,
hebt es aus dem Schrein
und stopft dafür

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in ihr Gewand den Anzug,
den tags zuvor
der Schneider ihm gemacht.
Der Tischler kehrt zurück
die Flasche guckt

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verräterisch
aus seiner Arbeitsbluse -,
und während rings
die Blumengeister kichern,
befestigt er den Deckel

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auf dem Sarg.
Am nächsten Tag
ist feierlich Begräbnis.
Mit neuen Taschentüchern
ziehn die Weiblein,

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in Frack die Männlein
und Zylinderhut.
Und nach des Pfarramts Kandidaten Mahnung:
"Oh stürbt ihr alle einst
so rein wie diese!

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so sündenlos,
so wohlgefällig Gott!"
tritt, als des Tischlers Busenfreund,
der Schneider
ans Grab und wirft

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den ersten Schollenkloß
auf seine eingesargte
Meisterleistung
und andre nach ihm.
Der Hügel wölbt sich,

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die Leute gehn -
nun endlich kommt der Schmaus.
Am Abend aber steckt
der Würmer Volk
anklagend seine Hälse

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aus dem Hügel,
und aus den hungrigen Augen glüht
der stumme Vorwurf
nach der Stadt hinüber:
"Wie habt ihr uns betrogen!

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Pfui, oh pfui!"

 

 

Lyrik | Zyklus: Der Weltkobold
Motto | Im Mund die Abendzigarette | Aller Ort' | Weltkobold ist verliebt | Maria, eines Tischlers Töchterlein | Durch die Gassen geht der Abend | Die Nacht ist tief geworden | Vertrau mir, Kind | In jagendem Wolkenboot | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung I | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung II | In seiner Hängematte liegt der Gott


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 432ff.