Versuch einer Einleitung

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Wir leben in einer bewegten Zeit. Ein Tag folgt dem andern, und
neues Leben sproßt aus den Ruinen. Auf moralischem, medizinischem,
poetischem, patriotischem Gebiete, in Handel, Wandel,
Kunst und Wissenschaft, allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe

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Tendenz. Symptom reiht sich an Symptom. Und solch ein
Symptom war auch die Idee, welche eines schönen Tages des
hinverflossenen Jahrhundertendes acht junge Männer, festentschlossen,
dem feindlichen Moment, wo immer, im Sinne der Zeit
und auch wieder nicht im Sinne der Zeit - diese Zeit, wie jede, als

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eine Zeit nicht nur der Bewegung schlechthin, sondern einer sowohl
ab- wie aufsteigenden Bewegung, mit zeitweilig dem Ideale
unentwegten Fortschritts nur zu abgekehrter Vorwiegung des ersteren
Moments in ihr gesehen - die Singspielhalle, sozusagen,
ihres Humors entgegenzustellen, zusammenschmiedete.

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Ein sonderbarer Kult vereinte sie. Zuvörderst wird das Licht verdreht,
ein schwarzes Tuch dann aus dem Korb und übern Tisch
gezogen, mit Schauderzeichen reich phosphoresziert, und bleich
ein einzig Wachs inmitten der Idee des Galgenbergs entnommner
freudig-schrecklicher Symbole. Dazu heißt der Erste Schuhu:

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der hängt zuhöchst und gibt den Klang zum Hauch des Rabenaas,
der das Mysterium verwest; der Dritte heißt Verreckerle: der
reicht das Henkersmahl; der Vierte Veitstanz, zubenannt der
Glöckner: der zieht den Armesünderstrang; der Fünfte Gurgeljochem:
der schert den Lebensfaden durch; der Sechste Spinna,

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das Gespenst: der schlägt zwölf; der Siebente Stummer Hannes,
zubenannt der Büchner; der singt Fisches Nachtgesang, und der
Achte Faherügghh, mit dem Beinamen der Unselm: der kann das
Simmaleins und spricht das große Lalulä. Und es wird das Knochenklavier
geschaffen und der Gelächtertrab und die Elementarsymphonie

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und der Huckepackdalbert und der Eulenviertanz
und der Galgenschlenkerer und Sophie die Henkersmaid als
Symbild von der Weisheit unverweslichem Begriff.
Ein modulationsfähiger Keim.
Und in der Tat, wenn irgendwo, wenn irgendwann, mußte gerade

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damals und gerade bei denjenigen Kräften der Volksseele, in denen
das Herz der vom Geist der neuen Zeit am wunderlichsten
beeindruckten Unvoreingenommenheit des Natürlichen am zukunftswetterschwangervollsten
pochte, ein besonders abwelthafter
Rückschlag wider das Gesetz in der Vernunft von Seiten mehr

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excös gerichteter Seelen erfolgen und damit ein Beweisschatten
mehr geworfen werden, daß keine Zeit, so dunkel sie auch sich
und in sich selber sei, indem sie "ihr Herze offenbart", mit all den
Widersprüchen, Knäueln, Gräueln, Grund- und Kraftsuppen ihres
Wesens, als Schwan zuletzt mit Rosenfingern über den Horizont

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ihres eigenen Chaos - und sei es auch nur als ein Wesenstel
ihrer selbst und sei es auch nur mit der lächelndsten Thräne im
Wappen - emporzusteigen sich zu entbrechen den Mut, was sage
ich, die Verruchtheit hat.
Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie

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unter Sternen, die, wie der Dichter sagt: "versengen, statt erleuchten",
geboren sind, vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet
werden, daß hier einem sozumaßen und im Sinne der
Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra gesehen, hydratherapeutischen
Moment ersten Ranges - immer angesichts dessen, daß,

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wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer
schlechthin unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir,
schwansinnige oder wesentielle Erweiterung des natürlichen
Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit des Individuums vor dem
Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen den Mut,

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was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie
ihm in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft allüberall dieselbe
Erscheinung, dieselbe Frequenz den Arm bieten, und welches
bei allem, ja vielleicht gerade trotz allem, als ein mehr oder
minder modulationsfähiger Ausdruck einer ganz bestimmten

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und im weitesten Verfolge excösen Weltauffasseraumwortkindundkunstanschauung
kaum mehr zu unterschlagen versucht
werden zu wollen vermag - gegenübergestanden und beigewohnt
werden zu dürfen gelten lassen zu müssen sein möchte.

Hochachtungsvoll!

Jeremias Müller

 

 

Humoristische Lyrik | Galgenlieder
Titelblatt | Widmung | Versuch einer Einleitung | Laß die Moleküle rasen | Bundeslied der Galgenbrüder | Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid | Nein! | Das Gebet | Das große Lalulā | Der Zwölf-Elf | Das Mondschaf | Lunovis | Der Rabe Ralf | Fisches Nachtgesang | Galgenbruders Frühlingslied | Das Hemmed | Das Problem
II: Die Trichter | Der Tanz | Das Knie | Der Seufzer | Bim, Bam, Bum | Das ästhetische Wiesel | Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terasse | Die Beichte des Wurms | Das Weiblein mit der Kunkel | Die Mitternachtsmaus | Himmel und Erde | Mondendinge
III: Der Gingganz und Verwandtes: Der Gingganz | Der Lattenzaun | Die beiden Flaschen | Das Lied vom blonden Korken | Der Würfel | Kronprätendenten | Die Weste
IV: Philantropisch | Der Mond | Die Westküsten | Unter Zeiten | Unter Schwarzkünstlern | Palmström | Der Traum der Magd
V: Das Nasobēm | Anto-logie | Die Hystrix | Die Probe | Im Jahre 19000 | Der Gaul | Der heroische Pudel | Das Huhn | Möwenlied | Igel und Agel | Der Werwolf | Die Fingur | Km 21 | Geiß und Schleiche | Der Purzelbaum | Die zwei Wurzeln
Aus vorherigen Ausgaben ausgeschiedene Gedichte: Schlachtgesang | Wer denn? | Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder Eine glückliche Ehe | Der Walfafisch oder Das Überwasser | Der Igel | Die beiden Esel | Das Fest des Wüstlings | Die Schildkrökröte | Der Steinochs | Das Wasser | Die Lampe | Klabautermann | Die Luft | Der Hecht | Tapetenblume
Vorreden aus vorherigen Ausgaben: Vorrede zur dritten beziehungsweise ersten Auflage | Vorrede zur ersten und dritten beziehungsweise vierten Auflage



In den Vorreden wird der Versuch einer Einleitung als Nr. 10 aufgeführt.

 

 

Humoristische Lyrik | Vorreden und Anmerkungen
Vorreden: Galgenberg-Katechismus oder Das mystische Gesetzbuch der Begriffe | Drei Vorreden | Galgenberg | Die Geschichte | Galgenberg (Fragment einer Vorrede) | Aus einer Vorrede | Wo Geist und Torheit recht sich gattet | Entwurf einer Einleitung | Wir leben nicht mehr in der Zeit des Verfalls | Versuch einer Einleitung | Fragmente | Eine Kritikervorlage als Vorwort | Fragment I | Zur dritten bzw. ersten Auflage | Fragment II | Vorwort zur IV. Auflage des Gingganz | Zur ersten und dritten bzw. vierten Auflage | "Ein Brief als Einleitung"
Anmerkungen: Sehr geschätzter Herr Morgenstern! | Nachrede, Vorbemerkung zu den Anmerkungen | Ein Zwischenwort als Nachwort zur Vorbemerkung | Bundeslied | Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid | Das Gebet | Das große Lalulā | Der Zwölf-Elf | Das Mondschaf | Der Rabe Ralf | Fisches Nachtgesang | Das Hemmed | Das Problem | Das Knie | Der Seufzer | Bim, Bam, Bum | Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terasse | Die Mitternachtsmaus | Himmel und Erde | Mondendinge | Der Gingganz | Der Lattenzaun | Die beiden Flaschen | Das Lied vom blonden Korken | Der Würfel | Die Weste | Der Mond | Die Westküsten | Unter Zeiten | Unter Schwarzkünstlern | Die Hystrix | Möwenlied | Die Fingur | Der Walfafisch oder Das Überwasser | Die Luft | Die Zirbelkiefer


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 3, S. 57f.