Victor Klemperer: Christian Morgenstern und der Symbolismus - Kapitel 1

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Victor Klemperer: Christian Morgenstern und der Symbolismus. 1928


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CHRISTIAN MORGENSTERN UND DER SYMBOLISMUS1)

1.

Ohne die Bedeutung des 1914 verstorbenen Dichters Christian Morgenstern zu übertreiben,
darf man wohl sagen, dass er ähnlich (und ähnlich verstümmelt) wie Wilhelm
Busch ins Volksbewusstsein übergegangen ist. D.h., auch in unliterarischen Kreisen
zitiert man heute einzelne überraschend komische Verse oder Einfälle Morgensterns,
spricht etwa von dem raffinierten Wiesel, das auf einem Kiesel im Bache saß, oder von
dem Überfahrenen, der, eingehüllt in nasse Tücher, die Gesetzesbücher prüft, und
kennt dabei doch nicht immer das ganze angezogene Gedicht, seltener ein oder mehrere
Werke des Mannes im Zusammenhang, am seltensten den Ernst, der hinter seiner
verblüffenden Komik steht. Doch ist Morgensterns Ruhm noch wesentlich fragmentarischer
als der Buschs. Denn Busch war in all seinen Hervorbringungen, den zeichnerischen
wie den dichterischen, ausschließlich Humorist und Satiriker, und wer also des
Komikers in ihm gedenkt, gedenkt des ganzen Mannes. Und weiter war Busch überall
von einer durchsichtigen rationalen Klarheit, und es ist nicht nötig, vertieft und wissenschaftlich
um seine Weltanschauung Bescheid zu wissen, wenn man einen oder den
anderen Brocken aus der "frommen Helene" oder "Balduin Bählamm" gänzlich genießen
will. Morgenstern dagegen hat —ich spreche vorerst absichtlich nur vom Quantum
— reichlich ebensoviele, wenn nicht mehr, rein lyrische als komische Gedichte
geschrieben und die komischen oft in eine stärkere Dunkelheit getaucht als die ernsten.

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1) Aus: Zeitschrift für Deutschkunde 1928, Bd. 42, S. 39-55 u. 124-136
     Werke Morgensterns sind nach folgenden Ausgaben abgekürzt zitiert:
      E. = Enkehr, München, 1910
      G. = Galgenlieder, Berlin 1917, 27. Aufl.
      G. G. = Der Gingganz, aus dem Nachlaß, Berlin 1919.
      K. = Ein Kranz, zweite, mit "Ein Sommer" verbundene Ausgabe, 1899-1902. München 1922.
      P. = Plamström,neunte bis elfte Auflage, Berlin 1915.
      P. K. = Palma Kunkel, 7. Auflage, Berlin 1917.
      Spr. = Epigramme und Sprüche, München 1920.
      Ü. G. = Über die Galgenlieder, Berlin 1921.
      W. = Auf vielen Wegenn, vierte, erweiterte, mit "ich und die Welt" vereinigte
              Ausgabe, 1894-98. München 1923.

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Die großen Zusammenfassungen der jüngsten deutschen Literatur legen bald auf
seine ernsten, bald auf seine komischen Verse den größeren Nachdruck, stimmen aber
darin überein, dass sie ein Zusammendenken der beiden Teile oder Aspekte der gleichen
Schöpferkraft unversucht lassen. In Adolf Bartels' "Deutsche Dichtung der Gegenwart"1)
wird erst "der Nietzscheaner Chr. Morgenstern... kurz erwähnt..., der einzelne
schöne Gedichte schuf"; später heißt es: "Sein glücklicher Humor, der manches
Zeitgenössische köstlich verspottet, und seine feine Naturempfindung sichern ihm eine
Zukunft." Liegt hier der Hauptton auf der reinen Lyrik, so nimmt es sich wie eine
Korrektur aus, wenn Bartels in einer neueren Veröffentlichung2) berichtet, "der schon
verstorbene Chr. M. [sei] vor allem auch durch seine humoristische Dichtung neuerdings
mehr zur Geltung gelangt". Hugo Bieber in seiner Umarbeitung und Fortsetzung
der R. M. Meyerschen "Deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts" sagt über
Morgensterns Grotesken einige halb anerkennende, halb tadelnde Worte ("metaphysische
Ulkstimmung", "kosmischer Galgenhumor", "höherer Blödsinn", "befreite Weltironie")
und setzt dann bedauernd hinzu, diese Produktion habe "die zartfarbig perlende
Lyrik M.s. der Beachtung entzogen"3). Neigen Bartels und Bieber also entschieden
dazu, dem reinen Lyriker Morgenstern den Vorrang zuzusprechen und den grotesken
Komiker teils duldend in Kauf zu nehmen, teils in seinem bizarren Wesen etwas zu verschleiern,
so stellt sich Oskar Walzel in zwei gedrungen inhaltreichen Sätzen wesentlich
auf die Seite des Komikers. "Chr. M., der auch — (dies "auch" ist bereits ein Urteil)
— in schlichtester Aussprache innerer Erlebnisse Erlösendes zu sagen wusste,
steigerte die groteske Komik Wilhelm Buschs am liebsten durch eulenspiegelhafte Ausbeutung
des Widersinns bildlicher und gleichnishafter Alltagswendungen, zuweilen
durch verblüffende Übertragung menschlicher Schwäche und Eitelkeit auf Lebloses.
Ein Grübler nur konnte dem Altbekannten so neue Wendungen ablocken, nur ein
Sprachkünstler das Wort gleich spielerisch klügelnd aus- und umdeuten."4) Hier sind
die weit herausgehobenen komischen Gedichte als Werke eines, wenn nicht Denkers,
so doch spielerischen Grüblers und eines "Sprachkünstlers" bezeichnet; es wird aber
durchaus vermieden, ihnen lyrische Eigenschaften nachzusagen, die sie irgendwie mit
jenen auch" ausgesprochenen "inneren Erlebnissen" in Verbindung setzen könnten.
Etwas Neues und über diese Bemerkungen Hinausgehendes findet man bei Albert
Soergel.5) Er zählt Morgenstern zu den "Mystikern und Phantasten", und er hebt nicht
so sehr die Sprachkunst als die Musikalität der grotesken Gedichte hervor. Er ist der
Meinung, dass auch ganz sinnlose Verse durch ihre bloße Klangschönheit poetisch
wirken können, und gerade das erweise sich mehrfach in Morgensterns komischen Liedern.
So wird also von diesem Literarhistoriker in der Musikalität der Grotesken ihre
Verbindung mit der ernsten Lyrik des Mannes gesehen. Im übrigen zählt Soergel Werk
um Werk auf, gibt aus ihnen charakteristische Beispiele, und nimmt sein häufiges "Wie
köstlich!" immer nur als Ausruf und nie als eine pflichtgemäß zu beantwortende Frage.

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1) Leipzig 19189 , S. 407, 441.
2) "Die deutsche Dichtung der Gegenwart: Die Jüngsten." Leipzig 1921. S. 20.
3) Bondi, Berlin 1921. Volksausgabe. S. 622.
4) Scherer-Walzel: Geschichte der deutschen Literatur. Berlin 19213. S. 661/62.
5) Dichtung und Dichter der Zeit. Leipzig 19209. S. 573, 587—89.

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Wesentlich schwerer und doch zu leicht hat es sich Leo Spitzer gemacht, der einzige,
der bisher dem Gegenstand eine umfangreiche monographische Buchstudie widmete.1)
Sie heißt "Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian Morgensterns", sie
zielt also ausdrücklich nur auf die komischen Gedichte und will bei ihnen insbesondere
die Sprachform studieren. Hätte sich der Autor an diese thematische Beschränkung
gehalten, so wäre es ungerecht, darüber hinaus den ganzen Morgenstern von ihm verlangen
zu wollen. Aber der Linguist Spitzer tritt selber mit dem etwas angriffsfreudigen
Anspruch hervor, den ganzen Morgenstern deuten zu können. Bisher habe die Literaturgeschichte
bei ihren Betrachtungen das sprachliche Element allzusehr missachtet;
jetzt solle "der in literargeschichtlichen Abhandlungen beliebten Unterschätzung des
rein Sprachlichen, die gewöhnlich die Sprache eines Dichters nur als Spiegelbild seiner
Ideen betrachtet und am Sprachlichen mit einer zeremoniellen Verbeugung vorbeigeht,
... die sprachliche Bedingtheit "des Dichters entgegengestellt, jetzt solle der ganze
Dichter aus seiner Sprache erklärt, aus seinen Worten psycho-analytisch ergründet
werden. Mit alledem "sei gewiss nicht geleugnet, dass der Humor auf Weltanschauung
aufbaut", weswegen denn gelegentlich auch "die philosophische" oder "die rein menschliche
Einstellung gewürdigt wären"2) Es liegt nun so, dass Spitzer ein paarmal auch
die rein lyrischen Gedichte Morgensterns in seine Betrachtung einbezieht, und dass er
viele groteske und einige rein lyrische Verse mit dem gleichen unerschütterlichen Ernst
und der gleichen prinzipiellen Enge an ihrer Lyrik vorbei untersucht. Indem er das
sprachliche Phänomen als tiefstes und primäres fasst, indem er dem einzelnen Wort
und Klang nachgeht und es beinahe grundsätzlich vermeidet, im Dichter etwas anderes
zu sehen als einen Meister und mehr noch einen Sklaven der Sprache, verkennt er allzuoft
den eigentlichen Sinn des Ganzen und belastet das Einzelne mit den spitzfindigsten
Auslegungen. Persönlichen Anspielungen, wie sie schon Hugo Schuchardt in seinen
"losen Betrachtungen" über Morgenstern und Spitzer annahm3), und wie man sie auch
in dem parodistischen Galgenlieder-Kommentar von Morgenstern selbst halb ernst-, halb
scherzhaft bestätigt findet ("Der Rabe Ralf .. . im Privatleben Dr. Robert W...e"4),
wie sie auch nach der ganzen Entstehungsgeschichte der Galgenlieder mit Selbstverständlichkeit
vorauszusehen sind — diesen persönlichen und privaten Anspielungen
tut Spitzer allzu große Ehren an. So sollen etwa in "Korfs Verzauberung"5) die "Reimzeugungen...
Odelidelase, Oduladelise! Odeladeluse... an Odaliske, Oase, Elise, Duse
anklingen, eine Zauberin, Muse und Circe benennend".6) Nun gab es aber im Anfang
des Jahrhunderts in Berlin eine sehr bekannte Seifenfirma Lohse, und Eau de lis de
Lohse war ein klanglich höchst geschickt gewählter weithin geläufiger Parfümname.
Man könnte beschwören, daß Morgenstern von diesen Reklameklängen verfolgt worden

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1) Motiv und Wort, Studien zur Literatur- und Sprachpsychologie. O. R. Reisland, Leipzig
        1918. (Der Band enthält als erstes Stück einen Meyrink-Bssay von H. Sperber, als zweites
        Spitzers "Morgenstern".)
2) Die ganze Ausführung a. O. S. 91.
3) Euphorion Bd. 22, S.639sq.
4) Ü. G. S. 31.
5) P. 34.
6) a. O. S.87.
   
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sei und sie ohne allen Tiefsinn verwandt habe. Verwandt aber wozu? Denn darum geht
es, und diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man den Blick auf das Herz des
Dichters und nicht auf seine souverän gedachten Sprachwerkzeuge richtet. Verwandt
zu einer klangschönen und tragikomischen Verspottung der eigenen romantischen Sehnsucht
und Musikalität, wird dann die Antwort lauten. Und auch wer von Eau de lis de
Lohse nie etwas gehört hat, kann sich diese Antwort geben (auf die allein es zum Verständnis
der Dichtung ankommt, während dazu an Duse und Odaliske so wenig gelegen
ist wie an dem Lohseschen Parfüm), wenn er nur das Gedicht als Gedicht und nicht als
Spracherzeugnis auf sich wirken lässt und es in den Zusammenhang der übrigen Dichtungen
Morgensterns stellt.

Nicht den Komiker Morgenstern oder den "reinen" Lyriker oder den Grübler oder
den Sprachkünstler will ich im folgenden aufsuchen, sondern den ganzen, höchst einheitlichen,
oder (wenn dies nicht zu pretiös klingt) höchst einheitlich gebrochenen
Dichter Morgenstern. Dabei wird das Sprachliche keineswegs vernachlässigt werden, es
wird sogar, weil dies die Eigenart Morgensterns mit sich bringt, eine hervorragende
Rolle spielen. Aber nicht die oberste und erst recht nicht die einzige Rolle. Sprache war
ihm zumeist gefügiges Werkzeug, bisweilen Anregerin, bisweilen Feindin; sie war ihm
niemals die Herrin und das Wesentliche, auch nicht in seinen tollsten Sprachscherzen
und Sprachfreudigkeiten.

Wie hoch ich nun aber das Individuum Christian Morgenstern auch schätze - als
Menschen und Dichter überall, und als völlig eigen- und einzigartige Erscheinung in
seinen Grotesken -, so gilt meine Studie doch nicht allein oder auch nur in erster
Linie der Persönlichkeit Morgensterns. Täte sie das, dann müsste sie im wesentlichen
eine Auseinandersetzung mit der jüngsten mir bekannten Arbeit über Morgenstern enthalten,
die im Vergleich zu allem Vorangegangenen ebensosehr Fortschritt als Rückschritt
bedeutet. Der Fortschritt Karl Christian Brys1) besteht eben darin, dass er den
ganzen Dichter als innerliche Einheit darzustellen bemüht ist, dass er die "grotesken
Lieder den ernsten Morgensterns... nahe verschwistert" sieht, dass sie für seine Auffassung
ihre "Purzelbäume stets nur auf dem Teppich des Weltgefühls (schlagen), das
Morgenstern auch sonst eigen ist", dass ein "Gefühl schmerzlicher Einsamkeit und des
Getrenntseins von allen anderen Menschen und Dingen" ihnen zugrunde liegt. Der
Rückschritt wiederum beruht auf einer gewissen dogmatischen Härte. Bry kann es dem
Dichter nicht verzeihen, dass all sein Gottsuchen in der Anthroposophie und bei dem
bequemen "Steinerschen Geheimrezeptbuch" endete. So wird denn dies Suchen selber,
d. h. Morgensterns gesamte Schöpfung, zwar nicht missachtet aber doch als einigermaßen
ästhetenhaft und schwächlich hingestellt, und gerade aus ihrer schwankenden
Schwächlichkeit erklärt Bry den großen Publikumserfolg des Dichters: "seine Leser
erhielten alles, was sie begehrten, von ihm, ohne dass sie die geringste Gegenverbindlichkeit
hätten einzugehen brauchen." Es hängt mit dieser auf "religiöse Entscheidung"
dringenden Denkart zusammen, dass Bry die grotesken Gedichte Morgensterns
mindestens zur Hälfte missversteht und sie durchaus falsch in sein Lebenswerk
einreiht.

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1) Christian Morgenstern und seine Leser. "Hochland" Februar 1925.

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Ich beabsichtige an Morgenstern beispielhaft zu zeigen, wie stark die moderne deutsche
Literatur den Einfluss des französischen Symbolismus erlitten hat, und wie dieser
Einfluss doch wieder deutsch verarbeitet wurde. Hier sind aber sogleich zwei sehr wesentliche
Bemerkungen zu machen, die irrtümlichen Auffassungen des Folgenden vorbeugen
sollen.

Einmal: Der Symbolismus, wie er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
in der französischen Literatur auftaucht, ist eine Phase oder ein Aspekt der französischen
Neuromantik und insofern gewiss der deutschen Romantik in manchen Punkten
verwandt. Aber er hat auch sehr starke Wurzeln in Frankreich selber (in Baudelaires
Werk, bei Flaubert, bei den Goncourts, usw.), und er besitzt eminent französische Eigenschaften.
Davon habe ich in meinem Aufsatz "Entstehung und Eigenart der französischen
Neuromantik" ausführlich gehandelt.1) Weil ein deutsches Element dem Symbolismus
innewohnt, deshalb konnte er so stark auf Deutschland wirken; aber womit
er so stark wirkte, das waren eben und gerade seine französischen Eigenheiten und Errungenschaften,
die artistischen, die dekadenten, die nervösen - denn das andere, das
wurzelhaft Romantische, konnte man, um es mit Busch zu sagen, "schon allein". Die
Größe dieser Einwirkung aber ergibt sich gerade daraus, daß sie viel häufiger im allgemeinen
spürbar als im einzelnen greifbar ist. Die Luft ist mit französischem Symbolismus
getränkt; George, Dehmel, Hofmannsthal, Schnitzler, Rilke usw. - sie kopieren
nicht und plagiieren nicht die Verlaine, Rimbaud und Mallarmé, sondern sie atmen sie
ein, so wie Lessing den Voltaire eingeatmet hat.

Und zweitens: Morgenstern, der im Gegensatz zu den genannten Dichtern persönlich
gar nichts mit den Franzosen zu schaffen hat und zu schaffen haben will - er erwähnt
sie ganz selten und fast immer mit einer durchaus unpolitischen, vielmehr ästhetischen
und geistigen Abneigung -, Morgenstern, bei dem konkrete Quellenforschung keinerlei
Beeinflussung durch Frankreich feststellen kann, ist noch intensiver beeinflusst
als jene Frankreichwilligen. "Man braucht nicht zu beweisen (schreibt H. A. Korff in
seinem "Voltaire im literarischen Deutschland des 18. Jahrhunderts"2)), dass eine Gegenbewegung
oft eine sehr viel intensivere Beeinflussung zur Voraussetzung hat als die
einfach gleichgerichtete Bewegung. Lessing hatte hundertmal mehr Voltaire im Leibe
als Herr Gottsched... Man überwindet nur, was man aufs tiefste in sich aufgenommen
hat." Morgenstern weiß gar nicht, dass er gegen Frankreich kämpft; ja, er behauptet,
sogar -, seine deutschen Zeitgenossen nur sehr selten parodiert zu haben. "Mag sein, dass
George, Dehmel und Hofmannsthal auf einzelnen Stil oder Reim gelegentlich abgefärbt
haben; dafür lebte ich mit ihnen zu gleicher Zeit; aber hätte ich sie oder ihre Mitläufer
auf diesen Blättern (gemeint sind die Grotesken) deshalb - parodiert?"3). Er unterscheidet
ausdrücklich seine Grotesken von einer Reihe gewissermaßen privater Parodien,
er wehrt sich gegen die Behauptung, Parodist zu sein ebenso erbittert wie gegen
den Vorwurf, "Unsinn" zu schreiben. Und er hat Recht mit seiner Abwehr. Als ein
wahrhafter Lyriker ist er immer mit sich allein oder bezieht alles auf sein Ich. Doch

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1) Jahrbuch für Philologie, hrsg. von Klemperer und Lerch, München 1927. Bd. II. [jetzt:
     Israelitische Literaturgeschichte C. 4.]
2) G. Winter, Heidelberg 1918. I 15.
3) Ü. G. S. 7/8

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Morgensterns ernste lyrische Gedichte sind durchtränkt von Symbolismus, der etwas
Französisches ist, wenn auch an seinem Zustandekommen Deutschland mitgewirkt,
wenn er in seiner Entwicklung sich auch über Europa ausgebreitet hat. Und Morgensterns
groteske Gedichte sind ein Ringen mit sich selber, ein Versuch zu sich selber zu
kommen. Man könnte vielleicht von Selbstparodie reden, aber es wird sich zeigen, dass
auch mit solcher Auffassung nichts Entscheidendes gewonnen ist. Diese Grotesken sind
oft genug Tragikomödien, und das sich an sie knüpfende überpersönliche Interesse liegt
darin, dass hier deutsches und französisches Denken in tragikomischer Verschlingung
ringen.

 

 

Victor Klemperer: Christian Morgenstern und der Symbolismus. 1928
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Fußnoten