Von diesem Berg der Sonne nachzuschauen (o. T.)

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Von diesem Berg der Sonne nachzuschauen,
wenn sie in fernster Ebne Dunst verschwindet
und sich der Erde nächtlichem Ergrauen
noch einmal durch der Wolken Brand verbindet -

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wenn, Spiegel ihrer Glut, durch Wälder, Auen
der Seen und Flüsse Goldgeäst sich windet -
bis sich die hohe, reiche Nacht entschleiert
und ihrer zartem Strahlen Siege feiert.

Tief unten häufen sich der Nebel Heere

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und überweben rings die Niederungen...
Dich ängstet diese todesstille Leere,
die plötzlich all das weite Land verschlungen...
Du stehst auf deinem Felsen wie im Meere, -
und streitender Empfindungen durchdrungen,

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verkehrst du endlich deinen Blick nach innen,
im Geist die Welt dir wieder zu gewinnen.

Du siehst dein Erdgestirn im Räume kreisen
und dich als ein Atom mit ihm gerissen,
es eilt und eilt in vorbestimmten Gleisen,

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im Sonnenfron noch eigner Tat beflissen:
Wie strebt es, all sein Land dem Licht zu weisen,
stets wechselnd zwischen Helln und Finsternissen!
Du ahnest seine rasende Bewegung
und hältst dich fest in taumelnder Erregung.

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Du meinst mit deiner Stirn das All zu teilen,
du hörst Gebirge brausen, Wälder rauschen;
den höchsten Felsen, die am schnellsten eilen,
vermagst du selbst ein Singen zu entlauschen!
Du fliehst hinab - doch nirgends winkt dir Weilen.

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Wie könntest du den Boden auch vertauschen?
So schwankt ein Blatt am Stiele hin und wider
und wähnt, es rege weltweit sein Gefieder.

 

 

Lyrik | Nachlese zu Melancholie
I: Abend im Park | Sternennacht | Musik | Nacht am Flusse | Junger, blasser, feiner Knabe | Von diesem Berg | Glockensturm im Tal | Lied an die Dämmerung | Ich trat ans Fenster | Seltsam, wie dort im Spiegel | Der kann von Liebe
II: Porto fino | Bist du, Herz, nicht trunken | Zum Abschied | An Eva P. | Vor einer Postkarte
III: Monte Testaccio | Auf den Annemonenwiesen der Villa Pamfili bei Rom | Piazza Barberini
Farnesina: Venus vor Zeus | Zug der Galatea
Von Rom zu scheiden | Pabstjubiläum 1903 | Dass es nur nicht | Frage ohne Antwort | Ich bin nicht öfter groß | Tret ich zu einer Pilgerschar | Ihr übermütigen Schellenknaben | Fiesolaner Ritornelle
IV: Ein Gedicht Walthers von der Vogelweide | Im Walther-Ton
V: Einer Jugendfreundin | Er, der uns zum Gipfel führt | Zu Nieblum will ich begraben sein | Die Heulboje | Dunkler Tag | Die Sterbende | Alles gut weil alles Gott | Sieh, des Herbstes Geisteshelle | Ich will vom Menschen nicht lassen | Genug oft
VI: Nicht noch einmal - | Leben ohne Antwort | Non veder, non sentir m'è gran ventura | Verantwortung | Durch manchen Herbst | Sei bereit | Dunkler Tropfe


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 52