Von neuer Lyrik

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24. Von neuer Lyrik
     Von Christian Morgenstern

Wenn ich ein neues lyrisches Werk in die Hand nehme, so ist das
Gefühl, mit dem ich es lese, das: Ist es ein Buch aus der Zeit für

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die Zeit, oder sind es Verse, die überall und allezeit werden gelesen
werden, wo und wann Menschen leben, seien es Nachkommen
unseres eigenen Volkes oder Völker der Zukunft, die auf
deutscher - wie wir auf antiker - Kultur fußen und weiterbauen.
Sind diese Verse nur für den Augenblick aktuell und interessant.

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verfliegend mit dem Wind, in den sie gerufen sind, oder sind sie
ein Zuwachs zur Gefühls-, zur Anschauungswelt der Menschheit
überhaupt. Der Gesichtspunkt erscheint hoch, wenn man die Seltenheit
des Wahrhaft-Großen bedenkt, aber warum sollte man
einer Zeit, da jeder dritte Mann "geistig produziert", nicht gesteigerte

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Ansprüche gestatten?
Große Gesichtspunkte haben auch Richard Dehmel vorgeschwebt,
als er in seinem Vorwort zu den "Lebensblättern"* über
den Menschheitswert der Kunst präludierte. Nur daß er sich aus
seinen Theorien nicht die klare Ruhe dessen gerettet zu haben

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* Verlag der Genossenschaft Pan.

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scheint, der weiß, er schafft für die Zukunft. Ihm fehlt die reife
Nonchalance selbstsicherer Schöpfernaturen, die warten können,
"bis ihr schleichend Volk ihnen nachkommt." Das in all seiner
Schwere unruhige Blut, der kurze Atem vergiftet ihm seine

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Kunst, zu der ihm große Gaben geworden. Sie reißen ihn hin, in
einer Art von Prolog den "verehrten Leser" zu perhorreszieren,
und sich durch den ganzen Charakter eben dieses Gedichtes als
das zu verraten, was es voll Hitze und Gereiztheit hinwegdozieren
soll. Er erklärt in ihm, daß seine Poesie nicht Gedanken- sondern

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Gefühlspoesie sei,

        "ach, die Gedanken sind nur Banken,
        die wir arabeskenhaft flechten
        um Manifeste von grundlosen Mächten."

Nun eben: "-flechten". Gewiß! Das Trinklied z.B. entsprang der

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grundlosen Macht einer tollen Zechstimmung. Aber ein wirrrankiges
"Geflecht" von Bildern und Gedanken erstickt die
große einfache Stimmung. Es ist kein impulsiver Ausbruch, keine
Stimmungstat, kein Manifest mehr: es ist ein Grundgefühl, zusammengebrochen
unter dem Kreuz des Gedankenhaften. Am

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großen Kunstwerk ist Stimmungskern und Geflecht nicht zu unterscheiden;
vielmehr: Das Gedankliche und Bildliche wächst organisch
aus der ganzen Stimmung heraus, das Gefühl schafft,
gebiert sich selbst seinen Körper, wird nicht erst in einen zusammenkomponierten
Leib eingewandet. Man lese Hartlebens "Ein

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Lied vom Wein". Da ist Seele und Leib eins. Auch er denkt in
ihm an dies und das, aber seine Gedanken klingen wie ferner
Gesang zu einem einzigen langgedehnten Geigenton. Dehmels
Gedanken stoßen sich hart, wie Perlen auf Schnüre gereiht. Freilich
- wie Perlen. Kann ich in seinem Buche im allgemeinen die

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Stimmung nicht finden, so empfinde ich um so mehr hinter vielem
einen echten, heißen Künstlerwillen, eine eigenartige Phantasie
und eine starke Zucht zur Form und zur Intensität des Ausdrucks,
die seine Verse freilich oft anstatt klarer nur noch dunkler
gestaltet, eine Eigentümlichkeit, welche - beabsichtigt oder

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nicht - bereits von ihren Vorläufern her bekannt ist. Einige der
schönsten Gedichte der "Lebensblätter" werden noch aus unserer
Zeitschrift vom Januar 1894 her in Erinnerung sein, darunter
das überaus reizende Kinderlied "Fitzebutze". Im gleichen liebenswürdig

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humoristischen Stil, der bei Dehmels grübelndem
Ernst doppelt überrascht, sind die Schelmgedichte an Peter Hille
und Paul Scheerbart, die Kringelreime und die Christnacht-
Szene. Die "Lebensblätter" sind naturgemäß ruhiger, beschaulicher
wie die früheren Werke, und Gedichte wie "Befreit", "Auf

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See", "Herr und Herrin", "Vierter Klasse", "Bergpsalm", "Der
Stieglitz", "Ein Blick", "Erste Hoffnung", "Vor Ostern", "Lied
an meinen Sohn" zeigen Dehmel von seiner besten, im guten
Sinne charakteristischsten Seite. Von seinen großen Phantasien
bewundere ich "Jesus und Psyche" als die tiefste, "Ein Heinedenkmal"

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als die geistreichste. Seine "bedenkliche Geschichte"
hat mich ebenso eigenartig berührt wie seinerzeit - bei aller Verschiedenheit
der Form und des Inhalts - das Prosastück "Die drei
Schwestern" in "Aber die Liebe". Dehmel ist von allen Dichtern
der Gegenwart vielleicht am schwersten zu beurteilen. Er zieht

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ebenso stark an wie er abstößt; man muß ihn einen bedeutenden
Künstler nennen und wendet sich ebensooft tief unbefriedigt von
ihm. Oder ist "man" nur "ich"? Die Zukunft wird darüber entscheiden
und sie wird auch Gelegenheit dazu haben; denn wenn
auch nicht alles: - Einiges (zumal aus "Aber die Liebe") wird

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doch trotz allen Gedankenballasts und aller Un-Naivetät in weite
Menschenzukunft hineindauern.
Von Felix Dörmanns letztem Buche dürfte man dies kaum behaupten
können. Es ist ja aber auch bei weitem nicht sein bestes.
Das hat er in seinem "Neurotica" gegeben. Die ekstatische Don

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Juan-Poesie von damals ist verraucht, und ein müdes "Gelächter"
- so nennt er die neue Sammlung* - ist ihr Nachhall.

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* Verlag von Pierson Dresden. 11. Aufl.

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        "Verstoben der brausende Überschwang
        Der selige Sturm verweht,
        Die friedlichen Alltagsstraßen entlang
        Ein trauriger Spötter geht..."

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Wenn man nur wüßte, wieviel von diesem Eiron- und Byronisieren
echt, und wieviel Koketterie ist. Nicht sosehr Koketterie im
unehrlichen Sinne, als vielmehr in jenem unbewusster Lust an
der melancholischen Maske, allzuwilliger Hingabe an Tuberosenstimmungen
und Dekadentenjammer, so wie die Hypererotik

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seiner früheren Werke etwa Paprika-Poesie hätte genannt werden
können. Neue Töne klingen in diesen Versen nicht auf; es ist
Stimmungslyrik intimer aber enger Art. Eine leichte Blutwärme
strömt durch viele der kurzen Lieder und gibt ihnen etwas Sang-
bares. Manches hat Heines schwermütige Bild- und Klangfarbe,

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wie das Gedicht "Hörst du das ferne Weinen?", manches jenen
desillusionierenden Charakter des "Mein Fräulein, Sei'n Sie
munter, das ist ein altes Stück", wie Gedichte aus der "zweiten
Reihe". In Dörmanns Lyrik fehlt die Mannigfaltigkeit des großen
Lebens; er spielt immer nur auf einer Saite. Die eintönige Musik

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schmeichelt sich uns ins Ohr, ja sie geht uns oft zu Herzen, dass
wir traurig werden; aber diese Trauer ist keine fruchtbare, große
Ergriffenheit, keine tragische Erschütterung. Es ist die weiche,
erschlaffende Melanchohe des Stimmungsmenschen unserer
wirren Zeit, die uns in ihren gefährlichen Bann lockt.

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Verwandt, aber ungefährlicher, ist die Melancholie Carl Busses,
dessen "Gedichte"* diesen Sommer zum dritten Mal aufgelegt
worden sind. Man wird sich über die Tatsache der dritten Auflage
nicht zu sehr wundern. Wie sie so vor mir liegen im schlichten,
blaugrauen Kartoneinband, oben in der linken Ecke die Nachtigall

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im Gezweig, in der Mitte ein paar Schwalben und rechts unten
die mondige Flußlandschaft im Rahmen von Vergißmeinnicht,
so mögen sie manches jungen Mädchens, mancher jungen

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* Verlag von Baumert und Ronge Leipzig III. Aufl.

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Frau zierlichen Schreibtisch schmücken und weiß Gott wo überall
im deutschen Land stiller Naturen herzliche Freude sein. Carl
Busse wendet sich an das, was die Deutschen "Gemüt" nennen.
Und damit hat er seine Landsleute gewonnen. Jener jungfräuliche,

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wehmütige Idealismus, jenes zauberhafte Sicheinspinnen in
die Träume der Liebe und das geheimnisvolle Weben der Natur -
ist es nicht wie ein Märchenbrunnen. zu dem der Deutsche immer
wieder zurückflüchtet, gleich als ob er in dieser Flucht einen
Ausgleich suchte für seine weltbürgerlichen Ideen und exotischen

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Begeisterungen? Und, weil es nur ein Ausgleich ist, dürfen
wir uns solchen Stimmungen hin und wieder überlassen,
ohne Gefahr zu laufen, kleingefühlig und sentimental zu werden.
Unser Volk ist so reich und stark, daß es alle Arten von Poeten
gebären darf. Wird es doch von Zeit zu Zeit auch immer wieder

15

solche hervorbringen, die bei allem ihrem Gemüt über diesem
Gemüt "noch eine Höhe" haben.
Es wäre mir eine frohe Aufgabe im Anschluß hieran Otto Erich
Hartleben als einen vom Stamme dieser letzten charakterisieren
zu können. Da jedoch seinen Werken bereits ein Aufsatz gewidmet

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worden ist, muß ich mich damit begnügen, in diesem Zusammenhang
auf sein Buch "Meine Verse"* nochmals hinzuweisen.
Gleicherweise sei hier das jüngste Werkchen Otto Julius
Bierbaums, das lyrische Singspiel "Lobetanz",** nochmals ge-
nannt.

                                   *

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Waren die bisher erwähnten Namen sozusagen aktuell, bezeichneten
sie Vertreter der jüngst-deutschen Lyrik, so gehören die
Namen Carl Spitteler und Peter Merwin älteren Dichtern an.
Beide kultivieren die Ballade und jeder in einer andern meisterhaften
Art. Von Peter Merwin (Wilhelm Schubert) auf dessen
"Pessimistische Gedichte" seinerzeit hier hingewiesen wurde, ist

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* Verlag S.Fischer, Berlin.
** Verlag der Genossenschaft Pan.

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ein "zweites Bändchen"* unter dem gleichen Titel erschienen.
Seine eigentümlichsten, plastischsten Balladen und Stimmungsgedichte
hat er damals im ersten Bande gegeben: der eigne Zauber
aber, in den mich jene volkstümliche Sprache und Anschauungsart

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verstrickten, weht mich auch aus diesen neuen Blättern
an. Mit ein paar derben, oft nur roh behauenen Worten und Sätzen
stellt der Dichter eine Gestalt vor uns hin, etwa einen verlumpten
Kerl, der wie ein Waldmensch jahrelang im Busch gelebt. -


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        "Umhängt von Fetzen, hemdlos; — einzig glüht
        Das Aug' aus strupp'gem Haarwald; spähend sieht
        Der Fuß aus Stiefels Spalten..."

oder er zeichnet im "Feuerpeter" einen armen Teufel, den der
Wahnsinn erfaßt hat, einmal den weltbrandentfesselnden Gott zu

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spielen -

        "Holz reiben auf Holz: bei, schöpferisch Werden!
        Ich schaffe, ich ärmstes Geschöpf auf Erden;
        Zu wollen nur brauch' ich, ich schaff aus dem Nichts
        Die wilde Seele des Feuers, des Lichts."

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Während Carl Spitteler im Schwung seiner formenschönen Balladen
vor allem die Historie und im besondern die Antike neubelebt,
gräbt Merwin, einförmiger, seine Stoffe vorwiegend aus dem
Boden des Schauerlichen und des Schicksalstragischen. Das Ereignis
eines Lüstresturzes gibt ihm den Stoff zu einer Gedankenschuld-

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Tragödie, indem es als durch den frevelhaften Wunsch eines
gekränkten Mädchenherzens herbeigeführt geschildert wird;
 die alte Geschichte vom erfrierenden Knaben, der den lieblosen
Seinigen in den Wald entlaufen, erhält einen neuen Reiz und eine
vorwurfsvollere Bedeutung durch die reiche Christnacht, die der

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ganze Forst um ihn feiert. "O, wär' er doch lieber - -!" "Des See's

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* Verlag von Wilhelm Friedrich. Leipzig.

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Erzählungen", "Ein Gegenüber", "Prinz fin de siècle", "Einsam
in der Menschenherde" -: das alles sind ganz seltsame, eigenartige
Bilder, Träume und Stimmungen, unter manchem freilich
auch weniger Gelungenen. Zu dem ergrauten Magdeburger Poeten

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sich ein an Schmerz und Entsagung reiches Leben in
wahrhaft pessimistische Lieder und Phantasien ausgestaltet, bildet
der Schweizer Carl Spitteler einen vollkommenen Gegensatz.
Seine "Balladen"* mögen wohl unter ähnlichen Verhältnissen
gekeimt und gediehen sein wie die Heldenlieder seines großen

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Landsmannes Conrad Ferdinand Meyer: im stillen Studiergemach
vielleicht, inspiriert und gesegnet von Reliquien aller
Jahrhunderte, die von reichen Wänden auf den kraftfrohen Gestalter
herabsahen. Eine grandiose Phantasie schöpft in diesen
Zyklen aus den tiefen Quellen des Kosmos, des Götter-Mythos,

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der Legende, der Helden- und Minnesage, der vaterländischen
Begeisterung und der freien Erfindung. Alles in strenggefugtem,
alt-solidem Versgefüge. Eine Kunst, die Muße zur Form hat, ein
Schaffen, das außer der Zeit steht und sich seine kleine Gemeinde
durch Generationen hindurch langsam sammelt. Eine

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Kunst, die alle Schlagworte (die gleich allen öffentlichen Meinungen
auch nur "private Faulheiten" sind) vergessen lehren
und daran erinnern kann, daß im geistigen Schaffen der Menschheit
über alle Schulbegriffe hinaus nur das Persönliche Wert hat.
Einzelnes aus dem Reichtum dieser Balladen zu zitieren, wäre

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allzupeinliches Stückwerk. Sie müssen - ein (schwächeres) Drittel
abgerechnet - als ungeteilte Gemälde und Szenen genossen
werden, um in ihrer edlen Kraft und Größe zu wirken. Ich habe
ein Gefühl vor diesem Buche: Es müßte ein Lieblingsbuch deutscher
Jünglinge werden, und von "Cyrus Ende" und "Die drei

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Rekruten" müßte jeder so heiß und groß werden, daß man seiner
Generation nicht mehr sagen kann, was Spitteler am Schlusse
seines Bandes unserer Zeit sagt:

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* Verlag von A. Müller, Zürich.

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        "Es ist kein Mannesmark, es ist ein Teig.
        Mit Fäusten tapfer, an Charakter feig.
        Es fehlt der Mut, der im Gewissen sitzt,
        Der freie Geist, der frisch die Wahrheit blitzt.

5

        Duckmäuser hinter die Moral versteckt,
        Blinzelt ein jeder pfiffig nach Respekt.
        Mit Anstand ist ihr Muckerherz befrackt; Heucheln,
        das Wort klingt schlecht, drum nennt man's Takt.

                                   *

Wenn ich daran gehe, meine Revue, die bei Richard Dehmel begann,

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bei Johanna Ambrosius und Katharina Koch zu beschließen,
bin ich mir heiter der Gegensätze bewußt, die ich da,
über die vorliegenden Erscheinungen berichtend, unter die
Haube eines Aufsatzes zu bringen gezwungen bin. Und doch
kann man kaum sagen: hier steht Naturmensch gegen Kulturmensch.

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Denn auch die - verwunderlich glatten - Verse der ostpreußischen
Volksdichterin* sprechen allzuoft, wie wohlerzogene
Kultur spricht, die für jedes menschliche Gefühl schon von
vornherein ein Versmaß, einen Bild- oder Gedankengemeinplatz
parat hält. Ich weiß nicht, ob man gut tut, eine Dichterin wie die

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genannte als "Naturdichterin" von anderen zu unterscheiden.
Jeder Poet, der ehrlich ausspricht, was ihn bewegt, ist ein Naturdichter,
ja er ist es umsomehr, je ungekünstelter, impulsiver sein
Herz sich entlädt. Das, was dem großen Publikum an der Lyrik
Johanna Ambrosius' gefällt, ist glaube ich gerade die - Kultur in

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ihr, das Konventionelle, Altvertraute. Ich würde es mir nicht ver-
zeihen können, über diese Lebensblätter eines einsam und ehrenvoll
kämpfenden warmherzigen Weibes ein mißgünstiges
Wort zu sagen: nicht gegen sie, die zumeist nach den künstlerisch
bescheidenen Vorbildern eines Familienblatts ihre Leiden und

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Freuden in wohlgeregelte Strophen fasste, wende ich irgendeinen
Vorwurf, sondern allein gegen diejenigen, welche bei der Erscheinung

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* Verlag v. F. Beyer. Königsberg, XIII. Aufl.

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einer solchen Dorfpoetin plötzlich vergessen zu haben
scheinen, dass ihr Los kein andres ist, als das vieler deutscher
Dichter von ehedem und heute, und daß ihre schlichten, innigen
Lieder als menschlich schöne Dokumente einer schlichten, innigen

5

Frauenseele wohl einen stillen, beseligenden Wert haben
und behalten mögen, aber doch schwerlich als eine Tat in unserer
Literatur proklamiert und als sogenannte "Naturpoesie" nicht
überschätzt werden dürfen.
Eine ähnliche Erscheinung wie Johanna Ambrosius, deren

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Schicksal edle Teilnahme so willig verschönt hat und hoffentlich
noch weiter verschönen wird, ist die jüngst verstorbene Katharina
Koch* aus Ortenburg in Niederbayern. Sie hat nicht die Anmut
und Sinnigkeit ihrer Gefährtin, sie ist eckiger und karger. Ihre
Hauptgedichte sind geistlicher Art, teils im Kirchenliederstil, teils

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"unbehauene Steine", die in ihrer biblischen Sprache etwas Großes
haben. Ein Gedicht von ihr "Drei Wünsche" werde ich nicht
vergessen. -: "Einen Kronenerben möcht' ich säugen..." "Eines
Fürsten Hofnarr möcht' ich heißen..." "Eines Helden Kraft
möcht' ich besitzen!..." Solche Ammen könnten wir brauchen.

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Beide Dichterinnen hat der unermüdliche Professor Karl Schrattenthal-
(Pressburg) entdeckt und in die Öffentlichkeit geführt.
Man muß ihm hohen Dank wissen, unzweifelhaft! Aber nochmals:
Diese Episoden, diese Idyllen in unserer Literatur dürfen
nicht zu epochemachenden Ereignissen emporgewertet werden.

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Was wir brauchen, sind große Persönlichkeiten: in ihnen allein
spricht Natur ihre tiefste Sprache, gärt Chaos, Urkraft, ewige
Menschheitsjugend.

_________________
* Selbstverlag des Herausgebers K. Schrattenthal Preßburg; Comm.
Verl. Heckenasts Nachf. Pressb.-Leipzig. III. Aufl.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 80ff.