Warum, warum ach! habt ihr mich verlassen (o. T.)

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Warum, warum ach! habt ihr mich verlassen
Ihr Geister einer schönen höheren Welt?
Warum seid ihr geflohen? Leer und elend
ließt ihr zurück mein Innerstes! den Schatz,

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den ich in mir zu tragen wähnte, dem vertrauend
ich eine Zukunft wollte bauen, den
ich pries als Höchstes, was mir Gott verliehen: -
Der Schatz, er ist verweht wie Rauch und Staub
und kaum ein schwaches Körnlein ist geblieben!

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Wie hab' ich dies verdient? Bin ich nicht wert,
so viele Blüten in mir zu umschließen?
O dann, warum musst' ich zum höchsten Schmerz
erst einen Blick tun in das Reich des Geistes,
um dann zurück zu fallen in die Finsternis,

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den trocknen Gang des ewig gleichen Tages,
und so zu fühlen schmerzlich tief den Gram,
das Sehnen und das Flehn nach dem Entschwundnen!
O kommet wieder, senkt euch wieder tief
ins sehnsuchtskranke Herz, verlasst nie wieder,

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mich, der nichts Höheres weiß, als euch zu dienen.
O kommt, o kommt, führt wieder mich dahin,
nach jenen Höhn, und lasst mich wieder blicken
die Welt mit dem verklärten, reinen Auge
der Poesie, der Liebe! O durchdringt

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mich wieder, Musen, Geister, göttliche Gedanken.
Durchdringt mich ganz und gar, und dankdurchglüht
wird euch mein Geist gen Himmel jauchzend preisen!

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 1
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 506