Weltfreude

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

Welch unergründlicheres Glück,
welch stolzre Götterfreuden gibt's,
als das Bewusstsein mir gewährt,
da, wo ich stehe, muss ich stehn!

5

Seit Urbeginn
bin ich im Keime vorbereitet. Milliarden
von Fäden aus des Weltalls weitsten Fernen
gesponnen und geleitet seit Äonen
verknüpfen sich in mir zu einem Ganzen,

10

als dem Zentralpunkt einer Welt! ... Und wieder
entfaltet sich aus mir ein neues Sein
mit unzählbar unendlichen Beziehungen,
die strahlenförmig aus mir flutend sich verzweigen
- gleichwie der Quelle Nass - ins Leben alles Künftigen.

15

So ist der Mensch der Mittelpunkt der Welt,
und um ihn kreist
die Ewigkeit.
O Götterfreude! End- und Ausgangspunkt
von allem, was uns Schöpfung heißt!

20

Kracht, Elemente, und zermalmt zu Dunst und Asche,
was lebt - als Dunst und Asche leb' ich fort!
Ihr könnt mich nicht vernichten!
Legt mich zerschmettert, Blitze, in den Staub:
schon hab' ich gelebt, und schon

25

hab' ich gestreut von meinem eignen Ich
in Herzen, die mich überdauern werden.
In ihnen leb' ich fort,
und was ihr Geist erschafft,
birgt auch von meinem einen schwachen Hauch

30

und wob mein Geist in andre Geister sich -
mein "sterblich Teil", auch dieses ist unsterblich!
Mich atmet ein im Lenz, wenn alles blüht,
der Menschheit sehnsuchtsvoll gehobne Brust;
in düstrer Wetterwolke donnr' ich hin,

35

und stürz' aus ihr herab als stolzer Strahl,
und fall' aus ihrem Schoß als segnend Nass.
Und wenn der Böse süße Knospen schwellen,
drückt die vereinsamte Geliebte mich in ihnen
erschauernd an den schönen, traur'gen Mund.

40

Unendlich! Keine Gottheit kann mich also tilgen,
als war' ich nie gewesen - oder
die ganze Schöpfungssymphonie
ist Stümperarbeit, harmonielos, aber nicht
das Werk des einz'gen und vollkommnen Gottes.

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 1
Gedichte in bayrischer Mundart: Der kloane Voat | Mei herzig's lieb's | Weil ees die boarische | Als er aus Ungeschick ein großes Loch in die Gardine gerissen hatte | Der Gockl
Der Tod erst | Warum, warum ach | Ad astra | Warum das Leben hassen | Schenk, Muse | Für ein Stammbuch | Verloren stand ich | Wie oft wohl | Es rollt das Jahr | Rudelstadt, Sommer 1890 | Der Melderbaum | Die Sonne lockt | Weltfreude | Am Bergeshang | Gott der Träume | Ewige Gottheit | An einen Freund | Abschied vom Zobten | An einen Streber | Einer jungen Freundin ins Stammbuch | 2. August 1891 | Ich möchte größer sein | Dichters Dank | Schlummern möcht' ich | Auch mir wird | Wann kehrst du je | Ich seh' die Lande | Geisterzug | Worte des Trostes | Den 'ethischen Bilderstürmern' | Es leiht mir wunderbare Stärke | O nur vor einem | Ob in Schnee und Eis | Was ging mir nicht | Als ich mein erstes Lied | Wenn ich die alten Blätter | Ode | Mein Leben ist der Woge | Ob du im Arm | Die Nacht ist still | Nichts herrlicher | Ich möchte blut'ge Tränen | Zu den Vorgängen bezüglich der "Emser Depesche", November 92 | Der Säemann | Ahnung des Kommenden


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 515f.