Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung I

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[Fassung I]

Auf einem Ball im Bild des großen Bären,
nach einer Griechin Phyllis, die Weltkobold
einmal geliebt, Phyllis Theä genannt,
auf Philistäa also - wie's allmählich

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die kosmische Orthographie verhunzte -
tritt eines Sonntags unser heitrer Gott
in eine Stadt des Volks der "Bärenhäuter".
Die Bärenhäuter, ein uralter Stamm,
schwerflüssig wie der Honig, der ihr Trank,

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doch auch, zumal im Lieben, süß wie dieser,
abgründig tief, wenn sie aus blauen Augen
dich anschaun, gleich als ob das Firmament
durch einer Maske Augenlöcher blaute.
Wie Böcke stotzig, doch auch sanft wie Lämmer,

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die treu zu allem Mäh und Amen sagen,
was ihnen die Behaglichkeit nicht stört.
Sie prägen im Geschlecht der Philistäer,
das den Planeten zahllos überwimmelt,
das Philistäische am reinsten aus.

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In ihren Büchern nennen sie sich gern
"der Richter und der Henker Volk" mit Fug!
Wohl nirgends hat wie hier der Kult System,
Missliebiges zu knebeln, zu ersticken.
Privatim hungert man den Gegner aus,

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und publice wird er ans Kreuz genagelt.
Allein damit man sieht: die Sache nur,
nicht die Person ward in dem Mann bekämpft,
wird dreißig Jahre später feierlich
sein Name zu den "Heiligen" vermerkt.

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In eine Stadt von diesen Leuten also -
wenn Stadt bedeutet: geistvoll schlichte Häufung
in Würfelform geschichteten Gesteins -
kam eines Tags Weltkobold lernbegierig;
denn unbekannt noch war ihm diese Welt.

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Wie hätt' er auch bei den Milliarden Sternen,
die er einmal in toller Laune schuf,
der einzelnen Entwicklung folgen können!

Wie schon gesagt, ein Sonntagmorgen war's,
den Feierhut auf schön gekämmtem Scheitel,

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am Arm die violette Ehehälfte,
vor sich die rosafarbnen Töchter, schreitet
der Bürger würdevoll dem Markte zu,
wo eine alt' und eine junge Glocke
der Schule Ehr' antun, die wochentags

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vom Schwärm der Hökerweiber sie genossen.
Weltkobold folgt den Bürgern und dem Lärm,
doch was er sieht, er weiß es nicht zu nennen.
Ein Bauer hat ihm vor dem Tore außen
die Eisenbahn erklärt- "Lokomotive"

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benamste er den vordersten Waggon -
nun glaubt er hier dasselbe Phänomen
zu schauen, nur in andrem Maß und Stoff.
Kein Wunder: wer's von Kind auf nicht gelernt,
der kann - man kennt der Bärenhäuter Stil -

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Lokomotiv und Kirche oft verwechseln.
Weltkobold also glaubt, die Leute gingen
zu einer Reise. Und er schließt sich an.
Doch wie er nun im Betstuhl sitzt und rings
das Volk im Takt aus dicken Büchern singt -

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da steigen ihm doch Zweifel auf. "Wie?" denkt er -
"So reist man hierzulande? Eigne Art!"
Doch eh die Skepsis weiter noch gediehen,
bestärkt ihn wieder im gefassten Wahn
ein Mann in weiter weißer Uniform;

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der Reiseoberst scheint er ihm zu sein.
Er nennt die Leute Pilger, spricht davon,
dass sie durchs "Jammertal" gerade führen,
allein die Endstation sei "Himmelreich",
wofern geduldig man und still gesessen,

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wo nicht, würd' man in "Hölle" ausgeladen ...
Weltkobold kränkt der redeselige Schaffner.
Er steigt zum Chor hinauf, wo in den Scheiben
ein kleines Guckloch ist, und späht hinaus,
sich von der Landschaft des geschmähten Tals

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durch eignen Augenschein zu unterrichten -
doch wer ermisst das Staunen, das ihn fasst,
als er des Marktes träge Ruh' erblickt.
Schnell verstellt, horcht er den Bälgetreter
der Orgel über alles aus, erfährt,

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dass sich in diesem Raum die Bärenhäuter
versammeln, nur ...
                                Weltkobold weiß genug.
Er hat in Philistäa sich getäuscht.
Man ehrt ihn hier in Käfigen ... man rutscht

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auf Knien vor ihm und kennt ihn nicht einmal,
man flucht der Herrlichkeit, die er geschenkt ...
Und augenblicks durchzuckt ihn ein Befehl,
und wie er's denkt, da ist's auch schon getan.
Vom Grunde löst das Gebäude sich: verwandelt,

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aus dem, was ist, in das, wofür er's hielt.
Und an die Orgel setzt Weltkobold sich,
und mitten in das "Liebt den Nächsten mehr
als euch!" fällt wie ein breiter Blitz sein Spiel.
Auf springt das Volk, ein Taumel fasst es an,

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der Boden unter ihm wird fortgetragen,
an bunten Fenstern rauscht die Luft vorbei,
und immer wilder, dithyrambischer
wühlt in sein Blut sich ein die Lebenshymne.
Nun ein Akkord: Man wirft die Stühle um;

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ein andrer: Ringelreihe wird getanzt;
ein dritter: Männlein küssen sich und Weiblein -
das Restchen langverhaltener Natur
bricht überall mit Lenzgewalt hervor.
Weltkobold aber hält den letzten Ton

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solang, bis alle wieder sich beruhigt,
die Bänke aufgestellt und ohne Zwang,
doch mit Gesichtern unaussprechlich dumm,
sich auf die alten Plätze hingesetzt.
Weltkobold tritt hierauf zur Brüstung vor

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und hält den Bärenhäutern eine Predigt:
"Ihr Bärenhäuter!" - sagt er - "wenn ich euch
betrachte, dünkt ihr gar so dumm mir nicht
als wie ihr ausseht- aber, aber, aber!
Was mir vorhin der Bälgertreter hier

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von euch erzählt hat, das ist höchst betrüblich...
Von außen also seid ihr ganz honett,
trinkt Honigsuppe, raucht verdorrte Blätter,
verderbt euch Auge mit bedruckten Wischen,
die auch kein besserer als ihr verfaßt,

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stellt euch von Zeit zu Zeit als Karyatiden
schadhaften Dächern unter- oh, ihr "Stützen"!
Ein Volk von Stützen [bricht ab]

 

 

Lyrik | Zyklus: Der Weltkobold
Motto | Im Mund die Abendzigarette | Aller Ort' | Weltkobold ist verliebt | Maria, eines Tischlers Töchterlein | Durch die Gassen geht der Abend | Die Nacht ist tief geworden | Vertrau mir, Kind | In jagendem Wolkenboot | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung I | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung II | In seiner Hängematte liegt der Gott


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 436ff.