Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung II

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[Fassung II]

Auf einem Ball im Sternbild des Orion,
nach einer Griechin Phyllis, die Weltkobold
einmal geliebt, Phyllis Theá genannt -
auf Philistäa also (wie's allmählich

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die kosmische Orthographie verhunzte)
ergeht sich eines Tags der heitre Gott
in einer Stadt des Volks der Bärenhäuter.
Die Bärenhäuter, ein uralter Stamm,
schwerflüssig wie der Honig, der ihr Trank,

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doch auch - zumal im Lieben - süß wie dieser,
abgründig tief, wenn sie aus blauen Augen
dich anschaun, dass du meinst, das Firmament
durchschiene einer Maske Augenlöcher,
wie Böcke stotzig, doch auch sanft wie Lämmer,

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die treu zu allem Mäh und Amen sagen,
wofern man sie nur ungeschoren läßt -
sie prägen im Geschlecht der Philistäer,
das den Planeten zahllos überwimmelt,
das Philistäische am reinsten aus.

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In ihren Büchern nennen sie sich gern
ein Richter- und ein Henkervolk - mit Fug!
Sie richten, jeden, der dem Ideal
des Philistäertums nicht frönt: Entweder
zerschmettert ihn der Schergen einer oder

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die breite Masse stößt ihn von der Weide,
verfolgt ihn, brennt ihn, hungert still ihn tot.
Doch weil von je der Bärenhäuter Ruhm
ein gütiges Gemüt war, mildern meist
die Enkel ihrer Väter strenges Urteil,

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so dass der Seele, der unsterblichen,
des Gegners nichts mehr nachgetragen wird,
vielmehr sehr oft sein Name im Kalender
des Volks mit schönem Schnörkel rot vermerkt.
Sin' exceptione nulla regula ...

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Indes - wo blieb ich stehn? - die Hauptstadt also
der Bärenhäuter, "Bärenstadt" genannt,
ist heut Weltkobolds spöttisch Augenmerk.
Mit leichten Schritten streift er durch die Gassen,
und wer in seinem Aug zu lesen wüsst',

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er schlug' ein Kreuz und wünschte ihn davon.

Ein feiner Nebel senkt sich auf die Stadt
und dringt ermattend ein in jede Pore.
Die Menschen stehn und gehen wie im Traum,
denn in dem Nebel liegt ein leises Gift,

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das, unbemerkt den Willen ihnen stehlend,
in Kobolds Marionetten sie verhext.
Doch keiner merkt's. Wie üblich wandeln sie
— es ist ein Sonntag-Nachmittag - ins Freie,
den Feierhut auf schön gekämmtem Scheitel,

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der Mann schwarzröckig, violett das Ehweib,
und vorn und hinten rosafarbne Töchter.
In Töchtern nämlich, Kindern überhaupt,
versteht der Bärenhäuter nicht zu sparen.
Die weiten Wiesen überströmt von Volk,

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und wo es wandert, wirft's die weißen Hüllen
der Reisekost als wie ein lieb Vermächtnis
den Gänseblümlein neckisch auf den Kopf.
Die Luft ist rings von Stimmgewirr erfüllt,
dazu von Gummiballen, Drachen, Pfeilen -

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kurzum, es ist ein Leben, das Weltkobold
fast reuen läßt, nicht Mensch, nur Gott zu sein,
allein nicht lang, - er denkt an seinen Plan.
Und seht: woher und wie - man weiß es nicht -,
doch ohne auch, dass jemand danach fragt, -

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entragt mit einem Mal dem Wiesengrund
ein Zelt, als wie ein Zirkus anzuschaun,
und überall sind plötzlich Wegeweiser,
die alle nach dem "Riesentachyskop",
"Schnellseher", "Panorama mobile"

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gebietend ihre bunte Holzhand strecken.
[bricht ab]

 

 

Lyrik | Zyklus: Der Weltkobold
Motto | Im Mund die Abendzigarette | Aller Ort' | Weltkobold ist verliebt | Maria, eines Tischlers Töchterlein | Durch die Gassen geht der Abend | Die Nacht ist tief geworden | Vertrau mir, Kind | In jagendem Wolkenboot | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung I | Weltkobold im Land der Bärenhäuter, Fassung II | In seiner Hängematte liegt der Gott


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 439ff.