Zur neuen Ära

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75. Zur neuen Ära
     Von Christian Morgenstern

Der Aufschwung des deutschen Kunstgewerbes bedünkt mich
ein Wunder, an das ich noch kaum zu glauben vermag. Den tiefen
Deutschen sollte mit einem Male der Sinn für die Form aufgegangen

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sein? Sie sollten plötzlich etwas entdeckt haben, das man
nie in ihnen vermutet hätte: Geschmack? Dieses Volk von Barbaren,
dessen große Söhne ihm, je größer sie waren, um so ferner
standen, das einer zukünftigen Kultur einen Vorläufer um den
andern gebar, ohne selbst, als Ganzes, auch nur zum Wunsche

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einer gegenwärtigen zu gelangen, - dieses Volk sollte nun im Begriffe
sein, seiner unerquicklichen Gesamterscheinung sich bewußt
zu werden und Augen und Hände wider die Häßlichkeit
seiner bisherigen Lebensführung zu richten?
Es scheint so, aber, wie ich schon sagte, ich wage noch kaum

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daran zu glauben; denn der Ausblick, den diese Tatsache erlauben
würde, wäre zu überwältigend. Er ginge geraden Wegs auf
eine neue deutsche Kultur.
Die Worte Kultur. Benaissance lauten recht abgegriffen, aber das,
was sie bedeuten, ist über alle Bedeutungen. Das ist ja der unbeschreibliche

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Zauber der griechischen Welt, daß der Künstler dort
nicht ein sonderbarer Zufall, eine widerstrebend anerkannte
Ausnahme war, sondern ein Notwendiger, Unentbehrlicher, dessen
sich jeder wie eines Freundes freute, ein ewig willkommener
an allen Tischen der Sinne. Bei uns ist der Künstler ein Einsamer

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und muß sich gegen die Welt durchsetzen. Er schafft um seiner
eigenen und einiger Gefährten Freude willen. Aber die große Resonanz
fehlt. Wie viele sind daran zugrunde gegangen oder in
andere Wege gedrängt worden.
Wenn Deutschland Böcklinsche Fresken gewollt hätte! Wenn

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Klinger für ein Kulturvolk bauen, meißeln, malen dürfte!
Wenn Wagner nicht dazu getrieben worden wäre, mit seiner Musik
zugleich kämpfen zu müssen! Wenn man Nietzsche nicht in
eine Einsamkeit hineingeschwiegen hätte, deren gedankenbrausende
Stille ihn tötete!
 
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Aber was bisher noch keinem einzelnen geglückt ist, die Deutschen
zu einem empfänglichen Publikum zu erziehen, gelingt
vielleicht der stillen Wirkung der immer ausgedehnter und bewußter
angewandten Künste.

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Von den feinsten Ziergläsern der vornehmen Kamine, von den
kostbarsten Schränken der reichsten Gemächer muß die Kunst
immer unaufhaltsamer in die Tiefe und Breite sinken, bis selbst
das einfachste Gerät, die schlichteste Bank des einfachsten Mannes
den Adel einer gewollten Schönheit zeigt. Es sollten sich

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Gruppen von Künstlern bilden, die es unternähmen, den
verschiedenen Gewerben ihre Vorschläge und Entwürfe zu
übermitteln, so daß im Verlauf weniger Jahre die Mehrzahl
der gegenwärtig gebotenen Gebrauchs- und Luxusgegenstände
unmöglich und damit zugleich die Ansprüche der

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Käufer ästhetisch verwöhnter geworden wären.
Man glaube nicht, daß das noch wenig gebildete Auge zwischen
einem häßlichen und einem schönen Gegenstande nicht unterscheiden
lernen könne. Das am nächsten liegende Mittel, hier
den Geschmack auf entscheidende Weise zu beeinflussen, ist,

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den schönen Gegenstand zugleich brauchbarer und dauerhafter
als seinen rohen Vorgänger zu machen. Dieser Zwang einer höheren
Brauchbarkeit wird im übrigen der beste Schutz gegen die
große Gefahr sein, ins Spielerische, Überladene, Bizarre zu verfallen.

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Ich könnte mir da eine vollständige Organisation vorstellen. Die
gedachten Künstlergruppen schaffen sich eine Zentrale, in der
jede Gruppe gleichmäßig vertreten ist. Diese Zentrale ist wie ein
Körper, der von dem kleinen Kreise der Künstler sein Licht empfängt,
um den ungeheueren Kreis der Gewerbetreibenden damit

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zu speisen. Der Umstand, daß jeder einzelne Entwurf das gemeinsame
Urteil dieser Zentrale bestehen muß, würde eine gewisse
Einheitlichkeit des neuen Stils verbürgen. Das Arbeitsfeld
dieses Zentralausschusses wäre geradezu unermeßlich. In laufenden
Berichten wären die künstlerischen Ergebnisse zusammenzufassen

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und auf ihre fruchtbarsten Gesichtspunkte hin zu

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analysieren. Zum andern wären darin die Wünsche und Vorstellungen
der Gewerbetreibenden (die ihrerseits wieder von den
Kaufenden beeinflußt sind), seien sie praktischer oder ästhetischer
Natur, in weitestem Maße bekanntzugeben, so daß ein immer

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vertrauteres und bewußteres Zusammenwirken der menschlichen
Kräfte ermöglicht würde.
Der Segen einer solchen Durchdringung des Lebens durch die
Kunst würde schon an der nächsten Generation offenbar werden.
Das Kind, dessen Augen von Anfang an gebildet und verwöhnt

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worden sind, wird, erwachsen, mit feineren Sinnen auf die Welt
sehen und allen Möglichkeiten, sie zu verschönern, mit einem
ganz anderen Willen nachspüren. Die Kunst wird eine Sache des
Blutes geworden sein, sie wird begehrt werden wie das Salz im
Brot, wie das Feuer im Wein. Mit dem Gesicht wird sich das Gehör

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verwandeln, was seinen Ausdruck in einer neuen Musik finden
wird; mit dem Sinn für Reinheit und Harmonie der Linie
nzugleich der Sinn für eine strengere Architektur des Dramas; mit
der Liebe zur Farbe auch das Bedürfnis nach einer reicher, festlicher
geschmückten Innenwelt, in welcher denn auch alle Dichter

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einer glühenden Phantasie ganz andere Heimstätten haben werden,
als heute, wo sie den leeren Wänden der Mansarde und des
Himmels preisgegeben sind.
Nun, wenn es irgendeinem irgend etwas bedeutet, wir Dichter
des jungen neuen Lebens, wir ewigen Träumer neuer Völkerfrühlinge,

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wir Nieverzweifler an endlichen Siegen der Schönheit,
wir bringen den jungen Künstlern, die nun mit fliegenden Fahnen
zur Wiedereroberung einer verlorenen Welt ausziehen, die
tiefsten Grüße und Wünsche unserer Herzen dar.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 212ff.