Zwei Kapitel aus Der satanischen Geschichte des Marquis von Essenz

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14. Zwei Kapitel aus der satanischen Geschichte
      des Marquis von Essenz

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      (J. K. Huysmans).
       Von Christian Morgenstern (Arosa - Graubünden)


                       I.

Nach langem Suchen entdeckte der Marquis von Essenz einen
kleinen kegelförmigen Berg in der Nähe von Paris, welcher von

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den Bewohnern der umliegenden Dörfer die Narrenmütze (La
marotte) genannt wurde.
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Sofort kam ihm ein Gedanke.
Ohne daß er irgend jemanden in seine Pläne einweihte, begann er
von den geübtesten Bodeningenieuren, deren er habhaft werden
konnte, den kleinen Berg wie eine Blumenzwiebel ausgraben und

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von einem ungeheuren Kran in eine gewisse Höhe über den Boden
hinauf hissen zu lassen. Hierauf bestellte er ein eisernes Gestell,
ähnlich dem Gestell einer Sanduhr, ließ den Berg sodann
kippen und ihn mit der Spitze nach unten darin befestigen, so daß
er nun, wie der obere Teil eines Sandglases, in dem Gestelle hing.

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Auf der nach unten gerichteten Spitze diese Berges nun gedachte
er sich das Haus seiner Einsamkeit, ebenfalls mit der Spitze nach
der Erdoberfläche zu, bauen zu lassen.
Den Plan zu diesem Hause hatte er bereits in langen schlaflosen
Nächten aufs Genaueste ausgearbeitet.

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Es bestand in der Hauptsache nur aus einem einzigen großen
Zimmer, dessen Wände, Decke etc. jedoch nach außen gekehrt
waren, während die kalkbeworfene Mauer, das schornsteingekrönte
Dach, nach innen gewendet, das eigentliche Zimmer bildeten.

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Die Außenwände des seltsamen Hauses waren mit den kostbarsten
und farbenprächtigsten Tapeten beklebt, während das flache
Dach ein ovales Deckengemälde von seltener Schönheit samt einer
aus seiner Mitte herabhängenden mattblauen Messampel
dem Erdenantlitz drunten zukehrte. Wie des Weiteren die Fenstergardinen

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- zusammengenäht aus Schweißtüchern alter Heiligen -
außen am Hause angebracht waren, befanden sich auch die
Bücherregale, Bilder und Büsten da, wo wir an unseren Häusern
die Spaliere oder Stuckverzierungen oder Balkons zu sehen gewohnt
sind; ja, selbst die Chaiselongue, der Ofen, Tisch, Stühle,

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kurz alles, was sonst noch die Einrichtung eines Baumes bildet,
war hier an dem Hause oder außerhalb des Hauses mit den
Fußteilen nach oben aufgestellt oder aufgehängt.
Die Hauptzierde des eigentlichen Zimmers dagegen war vor allem
der mächtige Schornstein, der, moosbewachsen und kienrußgeschwärzt,
aus der Mitte des Dachbleches in dieses hinaufragte,
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mit seinem Wetterhahne den Scheitel des darunter - oder richtiger
darüber - Stehenden fast berührend und es beständig mit
Qualm erfüllend.
In diesem Hause, welches so durchaus den allgemeinen Begriffen

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widersprach - sollten doch sogar die Nägel mit den Köpfen voran
in die Wand getrieben werden! - sah sich der Marquis bereits wie
ein fliegender Hund, das Haupt nach unten, an der mit Steigbügeln,
Fußlöchern und Ähnlichem versehenen Diele hängen, sei es,
um durch den Schornstein die entfernte Erde zu betrachten,

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sei es, um eine besonders kostbare Orchidee zu beriechen, oder
sich in einen nicht mehr vorhandenen Stich oder den Thomas a
Kempis zu vertiefen. Seine Dienerschaft war weiter oben im Innern
des Berges einquartiert, wo sie auf dicken Filzschuhen mit
der Tracht erster Christen in höhlenartigen Kasematten hauste.


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     II.

Der Marquis von Essenz hingsaß (wenn der Ausdruck erlaubt ist)
auf seinem oberhalb des Schornsteins am Fußboden angeschraubten
Studiersessel, sich den Kopf zuweilen am Wetterhahne
reibend und einen riesigen Folianten in sich hinein haltend.

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Durch die vielfältigen theologischen Studien seiner Jugend, seine
darauf folgenden biologischen Ausschweifungen, sowie das durch
beständige Verwandtschaftsheiraten der Vernichtung durch die
Zeit in die Hand arbeitende Blut derer von Essenz, war er nämlich
dahin gelangt, mit dem großen Scholastiker von Paderborn die

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Seele als etwas durchaus Räumliches zu begreifen, und das im
geraden Gegensatze zum Körper, als welcher hierdurch zum eigentlich
Unräumlichen oder vielmehr genauer zur bloßen Spiegelung
des Räumlichen oder Absoluten im Uneinräumlichen
oder Non-Ens hinabsank.

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Er hielt also den Folianten mit beiden Armen weit in sich hinein,
indem sich zugleich seine Augen nach innen kehrten, so daß ihr
bloßer Sehnerv - ihr Hals, wie man ihn nennen könnte - außen
blutrot zum Vorschein kam.
Eben dies aber war es, was der Marquis von Essenz von sich selbst
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sehen und genießen wollte. Er hatte zu diesem Zweck in einigem
Abstand hinter dem Folianten auf einer Art von ausziehbarem
Notenpult einen Metallspiegel angebracht, der wieder von andern
Spiegeln Spiegelbilder empfing, so daß er am Ende seine

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ganze Stellung mit einem einzigen Blicke seiner verdrehten Augen
überschauen konnte.
Der Marquis tat einen träumerischen Zug aus seiner Zigarette,
welche er seit langer Zeit aus der linken Kniekehle zu rauchen
pflegte, indem er durch eine Kerbe in der Schulter die Luft unter

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der Haut - und damit auch den Rauch der in einer eben solchen
Kerbe am Knie steckenden Zigarette - einsog, was er "die Blutpfeife
rauchen" nannte.
Eine unangenehme Erinnerung kreuzte sein übermüdetes Gehirn,
hervorgerufen durch den Geschmack des Tabaks, welcher in

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seiner Zigarettenorgel die vox humana darstellte. Während er
seinem alten Diener klingelte, der ihm die "Consolationes" des
Pater Filucius aus der Hand nehmen und neu ordnen mußte,
entsann er sich einer Maitresse, die ihn durch ihr absonderliches
Gewerbe - sie war Taucherin - in eine der eigentümlichsten

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Launen seines Lebens gestürzt hatte.
Stets bereit, einen neuen Reiz zu erfinden, hatte er die Krypta
einer ausgedienten Benediktinerkirche mit künstlich bereitetem
Märtyrerblut anfüllen und sich selbst in einer Taucherglocke aus
Marienglas mit dem jungen Weibe darin versenken lassen, während

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nachgemachte und durch ein Uhrwerk getriebene Sägefische,
auf Bratschen spielend, das seltsame Boudoir umkreisen
mußten, in welchem - um die Sensation noch mehr zu erhöhen -
eine mit Quallen gefüllte Wanne aus Sprenggelatine das Liebeslager
der beiden bildete.

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Jetzt verfingen auch diese Raffinements nicht mehr. Das Weib
war längst aus der Liste der ernst zu nehmenden Schöpfungen
gestrichen.
Und wie? Hatte der Mensch in der Baggermaschine "Lisette",
deren tägliche Arbeit er mit dem Fernglas verfolgen konnte, nicht

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etwas weit Vollkommeneres geschaffen?
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War die Shrapnels speiende schwarze "Manon" nicht etwas weit
Erhabeneres?
Der Marquis von Essenz trocknete sich den Schweiß von der Stirn;
er fühlte etwas wie Schwindel und verwünschte sein armseliges

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Jahrhundert.
Er dachte an Gott den Allmächtigen und widerstand nicht länger,
in ihm seine Zuflucht zu suchen.
Ohnmächtig fiel er durch den Schornstein in die mattblaue Messampel
hinab und machte dadurch das ganze Berggestell dermaßen

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erzittern, daß "die Narrenmütze" aus ihm sich löste und alles
in unübersehbarem Schutte begrub.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 56ff.