Zwei Lyriker

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63. Zwei Lyriker

Bei Gurlitt sieht man augenblicklich zwei Maler nebeneinander:
- der eine ein Gefühlslyriker, der andere mehr ein Gedankenlyriker.
Die Bilder des uns nicht mehr fremden Christian Rohlfs sind
- Gedichte. Wie soll man sie sonst nennen? Ein Stück Natur ist in

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ein paar tausend Farbenknoten - wenn man so sagen will - zusammengeschürzt,
zusammenge-dichtet. Es ist ein Unterschied
zwischen Verkleinern und Verdichten: Und doch! wie viele können
ein Stück Welt immer nur in verkleinerten Verhältnissen wiedergeben
und bleiben damit mehr oder weniger auf dem Niveau

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des Photographen. Rohlfs gibt nichts naturgetreu wieder, dieses
Wort im festgelegten Sinne verstanden. Es gibt für ihn kein Haus,
keinen Baum als an sich zur Darstellung berechtigtes, festumrissenes
Objekt. Es gibt nur Lichtausstrahlungen. Farbenpunkte
und -Komplexe an den Dingen für ihn. und die bannt er auf die

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Leinwand und baut aus ihnen die Landschaft wieder auf. Und
wir müssen ihm darin folgen, mit einer willigen Phantasie freilich
und einer bedingungslosen Hinnahme der aller eingelernten
Schulbegriffe so göttlich spottenden Ausdrucksweise. Eines nur

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könnte ein wenig Sorge machen. Die Gefahr der Einseitigkeit, ja
der Manier liegt ungemein nahe.
Weiter schon in diese Gefahr verstrickt scheint Martin Brandenburg,
den man wohl einen Gedankenlyriker nennen könnte.
Hendrich, Leistikow, Schneider, Munch, Galen u.a. fallen uns

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bei diesen Bildern ein, die häufig - es seien z.B. "Die Föhren"
und "Der Suff" herausgegriffen - starken Stimmungsgehalt und
interessante Eigenart verraten. Auch der junge "Frühling" mit
seinen matten, noch halbschlummernden Farben ist anmutig
empfunden. Das ergreifende "Montag-Morgen", das bizarr-originelle

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"Mondlachen", das in Uhdeschem Geist komponierte
"Denn Euch ist heute der Heiland geboren" - das sind alles Bilder,
von denen man, trotzdem sich manches gegen sie einwenden
läßt, schwer begreift, daß ihnen lange Zeit jeder Ausstellungsraum
verschlossen geblieben ist. Das letzterwähnte Bild und "Die

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Föhren" z.B. könnten schließlich auch Leistikow zum Urheber
haben und sind dabei, wie verlautet, eher entstanden als die ihnen
verwandten Waldinterieurs dieses Künstlers.
Man weiß ja bei einem Mystiker, und als solchen gibt sich
M. Brandenburg meist, nie, wie weit man ihm trauen, ihn ganz

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ernst nehmen darf. Von der Wahrheit zur Pose ist gerade in diesem
Gebiet nur ein Schritt und das Hinein- und Herausgeheimnissen
kann leicht zur Koketterie und Handwerkhaftigkeit werden.
Das ist an Klinger so groß, daß seine Phantasie bei aller
Fruchtbarkeit doch immer klare und im letzten Grunde durch-

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sichtige Symbole schafft. Der alte Vischer hat einmal gesagt: "Du
willst einen großen Stil haben? Ich weiß Dir ein Rezept dazu:
habe eine große Seele!" Eine große, das ist vor allem eine gesunde
Seele. In ihr wird Manier nie eine dauernde Stätte haben
können.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 140f.