Zwei Welten

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Für die Neue Deutsche Rundschau

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1894 - 1896


19. Zwei Welten

'Ni dieu ni maître!' stand wohl auf dem vergoldeten Kupfergriff

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des Dolches, mit dem die fanatische Faust eines wildgewordenen
Herdenmenschen sich als die eines Vorkämpfers der 'Freiheit'
betätigen zu müssen geglaubt, eine Hand, mechanisch zustoßend,
wie der Kolben der Maschine, den der Druck des eingelassenen
Dampfes vorwärts preßt.

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Ni maître! Und nicht einmal einen solch milden, vornehmen
Meister, der, fern davon, ein eigenwilliger Cäsar zu sein, nichts
war, als der maßvolle Repräsentant des bestehenden Systems,
nicht Basis, nur Spitze einer Pyramide, deren Zusammensturz
oder Neubau herbeizuführen, es anderer Intelligenzen bedürfen

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würde, als die unreifer Burschen, in deren Gehirnkanälen die stagnierende
Flut unverstandener oder unverständlicher Lektüre
wunderliche Blasen treibt.
Es gibt ein einzig dastehendes Buch, von dem ein französischer
Kritiker gesagt hat: un livre qu'on quitte monarque. Er hat in seiner

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schönen Begeisterung der Vielzuvielen nicht gedacht, die von
solchen befreienden Büchern nicht aufstehen als Monarchen, für
die es vielmehr heißt: un livre qu'ils quittent bêtes. Und ein anderer
Ganz-Großer äußerte einmal, er möchte seine Werke am liebsten
lateinisch verfassen, damit sie nie zur Speise des geistigen

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Plebs herabsinken könnten. Denn allzugeschäftig vermittelt
heute der wässerige Schlag der Bildungsphilister durch tausend
papierene Trichter jede neue Weisheit dem gierigen Ohr des
Herrn tout le monde - ob sie schon nur den Erlesensten, halb
Frage, halb Behauptung, zugeraunt war - und morgen schon

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läuft sie auf den Gassen umher als 'neue Lehre', als 'Sache der
Freiheit' in der Rechten die Brandfackel, in der Linken den -

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vermeintlichen - Freibrief zu jeder Schurkerei. Autoritätsglaube
im Grunde hier wie überall, wo das Volk glaubt. Ob man zu
Loyola, zu Luther schwört oder zu Stirner und Nietzsche: Die
verba magistri fehlen niemals und die Herdennatur verrät sich

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immer durch die grobe, unproduktive Art, womit sie sich solcher
verba bemächtigt und sie in ihrem Sinne ausdeutet. Ihre Propaganda
der Tat ist nichts als eine Propaganda der Ohnmacht, Geist
mit Geist zu besiegen, sie ist die Sprache des Tiers, das die geniale
Fechtweise des Meisters nur in blutrünstigen Tatzenschlag umzusetzen

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weiß.
Unwillkürlich denkt man dabei der großen Bändigerin, die Jahrhunderte
hindurch die Mengen in Bann und Zauber hielt, mit der
Geißel des bösen Gewissens und dem geheimnisvollen Blick,
darin alle Gewalt des Himmels und der Erde zu funkeln schien -

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der römischen Kirche, deren Oberhaupt soeben wieder ein
"Rundschreiben an die Fürsten und Völker des Erdkreises" mit
der Mahnung beschlossen: "Fiat unum ovile et unus pastor!"
Welch ein Zwiespalt für den denkenden Geist am Ausgang des
XIX.Jahrhunderts! Sich selbst über alles Kirchliche erhaben zu

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fühlen und doch bekennen zu müssen: Zahllose Menschen wollen,
vertragen, verdienen nichts anderes als die geistige Knute.
Und, dieses erwägend, den schlauen Machinationen stumm zusehen zu
sollen, womit die Päpste alles, was noch Schaf heißt, in
ihren 'Schafstall' zu schmeicheln sich bemühen!?

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"Freilich," sagt Leo XIII., "daß Unser Trost voll und ganz sei,
daran fehlt noch gar vieles." Es fehlen die morgenländischen Kirchen,
deren Väterchen das römische Väterchen mit "glühender
Sehnsucht" um den Bart geht. Es fehlen die Protestanten, mit
denen es weit gekommen ist, "nachdem einmal einem jeden das

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Recht zugestanden war, nach eigenem Gutdünken und Ermessen
die Schrift zu erklären." Es fehlt ad 3 an dem nötigen Entgegenkommen
des Staates und viertens sind - hört, hört - "die verwerflichen
Grundsätze und gottlosen Pläne" der Freimaurer, die
'gleichsam um Gott herauszufordern, in Rom sogar ihren Sitz

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aufgeschlagen haben', höchst unleidlich und verdammenswert.

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In einem wird, wie ich glaube, der gütige Gott den Wunsch des
heiligen Vaters erfüllen: der Protestantismus wird sich im Lauf
der Jahrhunderte auflösen, wird diejenigen, die dann noch 'selig
gemacht' werden wollen, der 'Sehnsucht der katholischen Brüder',

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und die übrigen sich 'voll und ganz' sich selbst zurückgegeben.
Denn man überrede sich nicht, daß der Protestantismus
etwas anderes sei, als ein Durchgangsstadium, als ein Tor in das
unbegrenzte Land der Gedankenfreiheit. - Wodurch kann für die
Massen die Autorität der Kirche ersetzt werden?...

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Bis dies gelöst, dünkt mir der Wunsch des alternden Löwen im
Vatikan vielleicht kein uninteressantes Gegenstück gegen die innerlich
unwahre Knechtsparole: 'Ni dieu ni maître!' -: 'Unum
ovile et unus pastor!'

Chr. Morgenstern

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 59ff.