Zyklus Die Wunderfrucht

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I

In meiner Rechten ruht, gleich einer Frucht,
darum die Finger greifen, meine Schläfe.
Wer, was da werkt in dieser Wunderfrucht,
im Innern dieser harten warmen Schale

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in allerfeinsten Zellen sich vollzieht, -
wer diese Frucht, die denkt, be-greifen könnte!
Wie eine ungeheure Nuss, - so hält
die Hand das heilige Gewölb gefasst,
aus dessen unerforschtem Tempelbauch

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die Glorie quillt persönlichen Gefühls,
die seiner selbst gewahre Strahlung: Geist,
die Ahnungeines Gottes von sich selbst...


II

Den Gott im Haupte spürend wie ein Wild -
wen bet' ich an? Bet' ich mich selber an?
Baut einen Tempel mir als wie ein Haupt,
mit Gängen, Kammern, Höhlen wie ein Hirn,

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dass ich mich wie in meinem eignen drin
verliere! Doch wo sah'ich endlich Mich?
Wo auch in diesem Labyrinth Mich - Ihn - den Gott?
O Mensch, vernimm, dein Nam' ist König Midas:
wohin du greifst, wird alles Bild, Bild, Bild.

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Ergreifend selber bildest du auch schon.
Wirf denn der Ahnung Dämmer über dich,
und drängt dein Wunder dich ins Wortlose,
bleib dort im Wortlosen, fühl's wortlos aus.


III

Nein - wortlos nicht. Sei Midas, der du bist!
Und wandle dann, wonach du greifst, zu Gold.
So tat der Grieche. Und so ward er groß.
So wie das Unerfassliche sich dich zur Form

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geschaffen, schuf er sich zur Form für es ;
sich holte er bewusst wie unbewusst
ein jegliches Geheimnis wieder, prägte
mit seinem Antlitz, was ohn' Antlitz war,
verschwendete den Gott wie sich an alles,

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was ihm entgegenkam, bis es wie er
mit göttlicher Zunge widerredete.
Nein - wortlos nicht! Nicht ins Zerfließende!
Menschenbildner, bilde denn - stell um dich her
die Welt als Kunstwerk! Sei aus Inhalt Form,

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aus Seele Leib, aus Gottestiefe Mensch !
Und deiner Liebe allerhöchstes Wort
sei: Lasst den Gott uns bilden, der wir sind!

 

 

Lyrik | Nachlese zu Einkehr
Mein Tetragramm | Wechselnd Wollen | Fisch und Wind | Oh welch Gefühl | Gewaltig segelst du mit mir | Noch jüngst gehasst | Wessen Blick aus nackten Bläuen | Das Kornfeld | An den Wald | Rings um uns | Einen moosbegrünten Ort | (Fragmentarisch) | Mattenwanderung | Regengeschwellt (o. T.) | Bergwasser um Mittag | Der Bergbach | Fels, auf dem Äonen | Durch einer Felsenkluft | Die Glocke | Das Tal | Sonntagmittag in Meran | Der Tor | Die verlassene Sennhütte | Ja, recht, Natur | Abendstrophe | Nachtlied | Nacht | Gruß und Gegengruß durch die Nacht | Nachtanbruch | Nächtliches Erwachen | Mensch und Blitz | Der Einsiedler | Einsiedelwunsch | Warum durchglüht mein Wesen | Frühlingsahnung | An eine Fächerpalme | An meinen Teekessel | Mein Ofen ist ein weißer Bär | Winternacht | Groß ist die Welt | Zyklus Die Wunderfrucht | In vinculis - libertas | Progressus dei | Meinungs-Moment | Der Name Mensch | Wir Menschen sind | Lied der Erde an den Menschen | Im Anfang war


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 136f.